Die japanische Regierung hat auf die Enthüllungen Rastworows mit einer Verlautbarung von rührender Hilflosigkeit reagiert. Es bestehe kein Grund, erklärte sie, diese zu bezweifeln. Punkt! Die Maus vor dem Rachen der Schlange überlegt sich fieberhaft, wie sie sich gegen den lähmenden Blick des Todfeindes wappnen soll, wie die Regierung der zu erwartenden Kombination von Spionage und verstärkter kommunistischer Parteitätigkeit begegnen soll. Schon wird daran gedacht, die Gedankenpolizei aus der totalitären Vorkriegszeit unseligen Angedenkens wieder aufleben zu lassen. Schon haben rechtsextreme Organisationen gewissermaßen auf Amateurbasis den Kampf gegen die sowjetrussische Spionage aufgenommen, indem sie freiwillig auf eigene Faust verdächtige Leute überwachen und bei der Polizei denunzieren. Es ist ganz klar, daß die Gefahr von links der Rechten, die sonst nicht viel Auferstehungshoffnungen hat, einen neuen Lebensatem einblasen könnte.

Was für eine Rolle in dieser „Schlacht um Japan“ die kommunistische Partei in Japan zu spielen berufen ist, kann nur schwer vorausgesagt werden. Das Schicksal dieser Partei ist ebenso rätselhaft wie die ganze japanische Psychologie. Im Grunde nämlich scheint Japan ein idealer Boden für eine kommunistische Revolution zu sein. Die unheilvolle Übervölkerung dieser Inseln bringt es mit sich, daß trotz aller industriellen Expansion während der Hochkonjunktur noch Arbeitslosigkeit herrscht und selbst die Arbeitenden bloß Hungerlöhne beziehen (15 000 bis 20 000 Yen mittleres Arbeitergehalt entsprechen etwa 200 bis 250 DM, wobei der Kaufwert des Yen eher geringer ist als der der Mark). Sie hat eine straffe und zentral dirigierte soziale und wirtschaftliche Organisation erzwungen, in der das Individuum ganz von selber in das Netz der Massen eingesponnen ist, ohne sich rühren und ohne revoltieren zu können – trotz aller demokratischen Reformen. Im Grunde wären die Japaner das ideale Menschenmaterial für eine kommunistische Staatsideologie. Und trotz alledem – oder vielleicht gerade darum – sind die Kommunisten politisch ziemlich erfolglos geblieben.

Dabei sah es anfänglich so aus, als wollten die Amerikaner den Russen auch Japan auf dem Präsentierteller servieren. Es war die amerikaniche Besatzungsarmee, welche die kommunistischen Führer aus den Gefängnissen befreite und ihnen im Namen der Demokratie nicht nur die Rückkehr ins politische Leben, sondern auch die Infiltration der neugegründeten Gewerkschaften gestattete. Das Ergebnis war eine Riesenüberraschung bei den Wahlen im Januar 1949: von 466 Parlamentssitzen eroberten die Kommunisten 35. Aber die Morgenluft, die sie witterten, raubte ihnen die Vernunft. Sie glaubten, die Entwicklung forcieren, den Weg zur Macht gewaltsam erzwingen zu können. Ihr Terror zwang die Amerikaner zur Aktion: Im Juni 1950 wurde ihre Zeitung verboten, ihre Parteileitung in den Untergrund getrieben. Am 1. Mai 1953 endeten antiamerikanische Ausschreitungen der Studenten mit einer Polizeischlacht. Es gab Hunderte von Verletzten und drei Tote. Die Japaner, dieses disziplinierteste aller Völker, lieben Radaubrüder nicht. Seitdem haben die Kommunisten in den Wahlen Abfuhr über Abfuhr erlebt und alle opportunistischen Windungen in ihrer Taktik – eben vor ein paar Wochen haben die inzwischen wieder aufgetauchten Führer nach neuesten Direktiven sich erneut zu friedlichen parlamentarischen Methoden bekannt –, haben das Mißtrauen der japanischen Wähler nicht mehr zu verstreuen vermocht.

Das heißt nun aber nicht, daß der Kommunismus sein Spiel in Japan verloren hat. Die Japaner sind ideologisch nicht besonders klare Denker, sondern nach unseren europäischen Begriffen recht konfus, emotionalen Stimmungen unterworfen, und die Stärke des kommunistischen Einflusses läßt sich daher nicht mit Abgeordnetenzahlen messen. Tatsächlich schweben Ideen, made in Moskau und Peking, nur so in der Luft, an den Universitäten, ja selbst auf Redaktionen von Zeitungen, die sonst alles andere als prokommunistisch sind, mit dem Resultat, daß sich oft Schlagzeilen und Artikel in den Umbruch verirren, bei deren Lektüre sich Her politisch geschulte Leser an den Kopf faßt. Die diskreditierten Kommunisten sind darum gar keine so wichtigen Figuren mehr im Schachspiel, welches die Sowjets nun in Japan zu spielen beginnen. Ihre politischen Schlagworte sind von den Linkssozialisten übernommen worden, die sich vor einem Jahr mit den Rechtssozialisten zu einer geeinten Oppositionspartei gegenüber einem seinerseits aus getrennten Gruppen fusionierten bürgerlichen Block zusammenschlössen. Der Erfolg, den die geeinte sozialistische Partei in den Oberhauswahlen von Anfang Juli davongetragen hat, war weitgehend auf Grund der moskowitischen Parolen erfochten: Weg mit der amerikanisch-japanischen Militärallianz! Weg mit den amerikanischen Flugzeug- und Flottenstützpunkten! Weg mit der Wiederbewaffnung! Aufnahme normaler politischer und Handelsbeziehungen mit Peking und Moskau!

Gewiß, das sind nicht so sehr rote als neutralistische Parolen, und ein neutralistisches Gefühl ist es auch, was einen großen Teil der japanischen Wählerschaft dem Sirenengesang folgen ließ. Solange die Amerikaner auf unsern Inseln sitzen, um uns zu beschützen, lautet die sozialistische Argumentation, laden wir in einem Konflikt die sowjetischen Flugzeuge geradezu ein, uns mit Atombomben zu belegen. Bleiben wir neutral und waffenlos, flötet sie weiter, so wird sich der interkontinentale Kampf über dem Nordpol abspielen, und wir sitzen in Frieden abseits. Daß die Industrie eines abgerüsteten und unbeschützten Japan für den kommunistischen Block ein allzu gefundenes Fressen wäre, um es ungeschoren und appetitlich direkt vor der gefräßigen Schnauze zu belassen, verschweigen die sozialistischen Utopisten. Ob sie es selber nicht einsehen, oder ob sie bewußt die Rattenfängermelodie spielen, bleibe dahingestellt.

Eine andere Quelle prokommunistischen Empfindens ist das Prestige Pekings, welches die japanische Intelligenz anzieht wie ein strahlendes Licht die Motten. Es war weitgehend das brutale Benehmen Moskaus gegenüber Japan, welches mit zur Diskreditierung der kommunistischen Partei beitrug. Aber für Asiaten ist ja nicht mehr Moskau die Hauptstadt des Kommunismus. Und Peking benimmt sich nicht ungebärdig und unfreundlich, sondern ist die Liebenswürdigkeit selber. Man lädt Journalisten, Industrielle und Politiker zu Besuchen des Landes ein, und die Heimkehrenden sind meist des Lobes voll. Wie sollten sie auch nicht! Vor zwanzig Jahren noch lag ein ohnmächtiges, verfaulendes China vor den Stiefeln der japanischen Soldaten. Heute ist dasselbe China eine Weltmacht geworden, wie es Japan selber nie in dem Maße war: Sieger in Korea, Peking, der Brennpunkt Asiens. Japan ist wieder zu einer kleinen vorgelagerten Insel geworden, die kaum mehr hoffen kann, aus eigener Kraft ein Gegengewicht zu der riesigen kontinentalen Land- und Volksmasse zu schaffen. Es ist gezwungen, Alliierte zu finden und kann sich kaum verhehlen, daß jedes Bündnis ein verborgenes Vasallentum bedeutet: ob es sich nun um Amerika oder China handelt. Die Entscheidung wird letzten Endes bestimmt wieder durch den Brotkorb gefällt werden; vorläufig zieht dieser Japan zu den Märkten Südostasiens und der freien Welt. Aber auf der andern Seite lockt der traditionelle Handel mit China. Es ist schwer zu sagen, ob diese Lockung real oder bloß eine Illusion ist; denn China hat ebensogroße Aussichten, zum halsabschneiderischen Konkurrenten Japans wie zu seinem Kunden zu werden. Aber ich sagte schon: Japaner sind keine großen Logiker. Sie folgen gern dem launischen Ruf eines unergründlichen Gefühls und dieses Gefühl ist den Kommunisten freundlicher, als es ihr Kopf eingestehen will.