London, im August

Im englischen Mittelstand geht ein Unbehagen um, dessen Ursachen nicht schwer zu ermitteln sind: steigende Steuern und sinkender Geldwert.

Die Sunday Times ein seriöses konservatives Blatt, ging kürzlich so weit, von einem mittelständischen Kampf ums Dasein zu sprechen. Als sichtbares Zeichen dieses Kampfes wurden kürzlich zwei Vereinigungen gegründet, die den Schutz des Mittelstandes auf ihre Fahnen geschrieben haben: die „Mittelstands-Allianz“ und der „Volksbund für Freiheit“. Die Allianz kämpft offen für die Interessen des Mittelstandes; der „Bund“ hat sich vorgenommen, die Flügel der Gewerkschaften zu beschneiden und die Bürger Englands vor der wachsenden Macht der Bürokratie zu schützen. Beide Organisationen haben einen Zulauf, der selbst ihre Gründer überrascht.

Man muß sich zunächst einmal fragen, wer gehört eigentlich zum Mittelstand? Trotz des ausgeprägten Klassenbewußtseins der Engländer ist es schwer, auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Das Wort hat nämlich zwei Inhalte, einen sozialen und einen politischen. Im sozialen Sinn gehören zum „Mittelstand“ alle diejenigen, deren Eltern das Schulgeld ihrer Kinder aus eigener Tasche bezahlen, ferner alle diejenigen, die einen besonderen Akzent sprechen und die das Messer auf bestimmte Weise halten. Zum politischen Begriff Mittelstand gelangt man auf folgende Weise: von der Masse der Gesellschaft subtrahiert man alle diejenigen, die ihren Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdienen, sowie die wenigen wirklich Reichen (die als Wähler kaum eine Rolle spielen), den dann verbleibenden Rest vom Admiral bis zum Versicherungsagenten nennt man Mittelstand.

Im Sinne der malaise, des Unbehagens, aber gehören diejenigen zum Mittelstand, die in Berufen und Stellungen tätig sind, die vor dem Kriege einen viel höheren Lebensstandard ermöglichten. Bevölkerungsgruppen also, die weder vom Ansteigen der Löhne in der Industrie profitiert haben noch von dem boom der Nachkriegszeit. Ein krasses Beispiel: eine Generalswitwe, 70 Jahre alt, lebt in einem Zimmer. Nachdem sie die Miete und die Elektrizitätsrechnung bezahlt hat, bleiben ihr knapp hundert Mark im Monat für Essen, Kleidung und alles andere. Ferien kann sie sich nur leisten, wenn sie eingeladen wird. Aber das kommt selten vor, denn ihre Verwandten, die ebenfalls zum Mittelstand gehören, sind ebenso verarmt wie sie.

Ein pensionierter Beamter, der vor dem Krieg im höheren Staatsdienst gut verdiente, muß heute von einer Pension leben, die, im Gegensatz zu den Preisen, seit Kriegsende kaum gestiegen ist. Auch wenn er auf Ferien und alle unnötigen Ausgaben – natürlich hat er kein Auto – verzichtet, kann er nicht leben, ohne sein Sparkapital anzugreifen.

Klagen hört man aber auch von Ärzten – selbst wenn sie das Fünffache der Beamtenpension verdienen –; denn dieser hohe Verdienst ist erkauft mit langen Arbeitsstunden und dem Verzicht auf Muße und Ferien: „Meine Frau (die ihr Examen an der Londoner Universität gemacht hat) und ich“, schreibt ein Arzt in einem Leserbrief, „möchten gern unseren drei Kindern die gleiche Ausbildung angedeihen lassen, die uns zuteil wurde, damit sie einer künftigen Generation in ähnlicher beruflicher Stellung dienen können wie wir. Aber da müßten wir allein für die Erziehung die Hälfte unseres Einkommens opfern.“