Im Rundfunk muß das Wort den Verlust des Sichtbaren aufheben. In den Anfangszeiten des Rundfunks wurde ein beträchtlicher Teil der Sendezeit mit dem Vorlesen von Novellen, Erzählungen, ja sogar von Romanen gefüllt. Mit der Vervollkommnung des Hörspiels zur ebenbürtigen Kunstgattung geriet die gelesene Prosa in Vergessenheit. Von vielen Verantwortlichen wurde sie geradezu als „unfunkisch“ abgelehnt. Die „Eigengesetzlichkeit“ des Funks legte dabei jeder aus, wie es ihm geraten erschien. Favorit des gesprochenen Wortes in künstlerischer Form blieb das Hörspiel. Neuerdings ist ein rücklaufender Prozeß innerhalb der Programme aller deutschen Sender zu beobachten: der vor zwei Jahren noch verpönten, großen Funkerzählung wird mehr und mehr Platz eingeräumt.

Bisher bildeten Sybille Schmitz’ hervorragende Lesung von Wilders „Frau von Andros“ und die glänzende Interpretation Matthias Wiemanns, der Hemingways Roman „Der alte Mann und das Meer“ las, eine Ausnahme. Vielleicht waren tatsächlich diese beiden ausgezeichneten und erfolgreichen Sendungen der Anlaß, daß Erzählungen und Novellen in ihrer ursprünglichen Fassung – also nicht „verhörspielt“ – erneut für den Funk entdeckt werden. Das dichterische Wort, von kultivierten Sprecherinnen und Sprechern dargeboten, erobert sich einen immer breiteren Raum zurück. Die Entwicklung geht soweit, daß der Dichter Ernst Schnabel für das dritte Programm des NDR eigens einen Roman schrieb. Von Grimmelshausens „Simplizissimus“ bis zu Daninos’ „Major Thompson entdeckt die Franzosen“ – von den Anfängen des Romans bis zur jüngsten Neuerscheinung – reicht die vielschichtige und unerschöpfliche Skala der Möglichkeiten,

In der vergangenen Woche unterhielt unter anderem der SWF (Dienstag, 7. August, 20.45 Uhr bis 22.00 Uhr) seine Hörer einen vollen Abend lang mit der humorvollen und zugleich nachdenklichen Funkerzählung „Wer ist der Dieb?“ von Jo Mihaly. Der Lebens- und Leidensgeschichte des braven Kettenhundes gab die volltönende Stimme Leonhard Steckels Prägnanz. Die Betrachtungen der ehrsamen Witwe verbildlichte Lina Carstens exzellente Sprechweise und Heinz Klevenows polterndes Organ vermittelte ausdrucksvoll die Episoden, in denen der Polizist zu Worte kommt.

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Achtzig Sendeminuten lang – nämlich so lange, wie die Wiederholung der im März dieses Jahres zum erstenmal ausgestrahlten Nachtprogramm-Sendung „Darf man in dürftiger Zeit Dichter sein? Gedanken aus und zu den Essays von Hermann Broch“ am Freitag, dem 10. August im NDR dauerte – verlor man eines nicht aus dem Sinn: Der diese Sendung schrieb, Christian Ernst Lewalter, lebt nicht mehr. So war die Sendung Broch zugleich die letzte Begegnung mit dem Autor Lewälter, dessen Kennerschaft, sprachliche Eleganz und gedankliche Schärfe gerade auch den Lesern der ZEIT noch lange unvergessen bleiben wird.

Wir werden sehen:

Montag, 20. August, 21.25 Uhr: Sybille von Cles-Reden versucht eine Deutung des „Werdenden Abendlandes an Rhein und Ruhr“ anläßlich der gleichnamigen Ausstellung in der Villa Hügel in Essen.