Von Georg Gniesar

Die Internationale Bauausstellung Berlin 1957 wird erneut einer breiten Öffentlichkeit aus aller Welt Gelegenheit geben, das neue Gesicht der (vorübergehend verhinderten) deutschen Hauptstadt kennenzulernen. War das architektonische Gesicht Berlins in den letzten Jahrhunderten trotz der zunehmenden Industrialisierung wesentlich von den zentralen Verwaltungs- und Dienstleistungsfunktionen der Hauptstadt gekennzeichnet, so hat in den Nachkriegsjahren – nach der Überwindung der Stagnation unmittelbar nach dem Zusammenbruch, den räuberischen sowjetischen Demontagen und der lähmenden Blockade – der weitgehende Verlust dieser Funktionen dazu gezwungen, durch das Wecken und Pflegen neuer Produktivkräfte – vor allem also durch den Ausbau der Industrien – den 2,2 Millionen Westberlinern eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage zu schaffen und zu sichern. Daß diese Bevölkerung im Rahmen der westdeutschen Wirtschaft den größten in sich geschlossenen Verbrauchermarkt und damit auch ein lohnendes Arbeitsgebiet für den Handel und zahlreiche andere Wirtschaftszweige darstellt, wird angesichts der Insellage nur allzuoft übersehen. Hat ein Gebiet von solcher Größe ohnehin die Lösung von Verkehrsaufgaben zur Voraussetzung, die nicht nur für die Güter, sondern auch für den Besucherstrom bewältigt werden müssen, so hat die interessante und einmalige politische Stellung Berlins als Nahtstelle der zwei weltbeherrschenden Machtblöcke in den letzten Jahren auch zu einer schnell wachsenden Bedeutung der Stadt als Kristallisationspunkt des internationalen Fremdenverkehrs geführt.

Der hohe Grad der Kriegszerstörungen in dieser sinnlos zur letzten großen „Festung“ erklärten Stadt erfordert zwar ungewöhnlich hohe Investitionen, bietet aber zugleich den Vorteil eines großzügigen Neuaufbaues, wobei die mancherlei „Kinderkrankheiten“ der im Bundesgebiet schon mit mehrjährigem zeitlichen Vorsprung realisierten Planungen vermieden werden können. In dieser Stadt ist selbst der Neubau von Wohnungen weitgehend abhängig geworden von der „Initialzündung“, die der Neuaufbau der wirtschaftlichen Objekte auslöste. Als typisches Beispiel hierfür mag die Gegend um den „Tautenzien“ gelten, in die ein neues Leben erst dann einzog, als ein weltberühmtes Kaufhaus seine Pforten wieder öffnete.

Wirtschaftspolitische Aufgaben sind es auch, die Westberlin als Schaufenster der freien Welt gegenüber dem Osten auf Grund seiner besonderen Lage übernommen hat. Die Berliner Ausstellungen, ein Eigenbetrieb der Stadt, haben in den Nachkriegsjahren mit Veranstaltungen wie den alljährlichen „Grünen Wochen“ und vor allem seit 1950 mit der in jedem Herbst wiederkehrenden „Deutschen Industrie-Ausstellung“ eine Aufgabe übernommen, deren bisherige Lösung gerade wegen der Enge des verfügbaren Raumes nicht hoch genug bewertet werden kann. Von dem Gelände am Funkturm, auf dem bei Kriegsbeginn außer einem umfangreichen Freigelände neun Hallen mit einer überdachten Fläche von über 52 000 qm zur Verfügung standen, waren 1945 nur noch sechs erheblich beschädigte Hallen mit einer Nutzfläche von rund 22 500 qm übriggeblieben. Erst seit 1950, dem ersten Jahr der Industrie-Ausstellung, sind im Rahmen der begrenzten finanziellen Mittel Berlins und mit Unterstützung des Auslandes, das zehn eigene Pavillons errichtete, Neubauten erstellt worden, so daß gegenwärtig außer den erwähnten Pavillons und einem Freigelände von 23 500 qm elf Hallen mit einer überdachten Nutzfläche von rund 40 000 qm zur Verfügung stehen. Dieser Raum liegt weit unter dem Bedarf und hemmt nicht zuletzt die Erfüllung der mit der wachsenden Wirtschaftskraft des Bundes und Berlins steigenden Verpflichtungen. Es ist daher erfreulich, wenn es jetzt gelungen ist, aus eigenen Mitteln Berlins und mit Unterstützung des Bundes endlich längst fällige Ausbauten in Angriff zu nehmen. Sie sollen bis zur Bauausstellung des nächsten Jahres, zum Teil schon zur diesjährigen Industrie-Ausstellung, vollendet sein. Nach der Fertigstellung der Hallenbauten wird Berlin eine überdachte Ausstellungsfläche von 51 500 qm anzubieten haben und damit nach Hannover, Frankfurt, Köln und Düsseldorf endlich wieder einen angemessenen Platz in der Rangfolge der deutschen Messe- und Ausstellungsstädte einnehmen.

Ein für Deutschland einzigartiges Bauvorhaben ist in das entscheidende Vorbereitungsstadium getreten: das erste und in absehbarer Zeit einzige Hilton-Hotel auf deutschem Boden. Mit einem Aufwand von 18 Millionen DM entsteht am Rande des Zoologischen Gartens für diesen zweitgrößten amerikanischen Hotelkonzern – der über eine eigene Besucherorganisation verfügt und außer in den USA ein weltweites Netz erstklassiger Häuser betreibt – ein repräsentativer vierzehngeschossiger Bau mit 350 Zimmern und 600 Betten, an den sich nach beiden Seiten (eingeschossig) ein großer Ballsaal und eine Reihe von Restaurants mit einer Ladenstraße anschließen, die sich alle in das Bild der Parklandschaft einfügen. Auch dieses Hotel wird ein Beispiel für die „Initialzündung “ sein, die von einem großen Objekt ausgeht, denn nach ihren internationalen Erfahrungen rechnet die Hilton Inc. nicht nur damit, daß sie schon in wenigen Jahren einen Erweiterungsbau mit, 200 Zimmern brauchen wird, der bereits in die Planungen, mit einbezogen wurde, sondern daß der durch ihre Organisation nach Berlin geführte Fremdenstrom auch in anderen Hotels zugute kommt.

Schon mehrfach hat sich in letzter Zeit erwiesen, daß anläßlich großer Tagungen und Kongresse oder der „Durchreise“ der Berliner Damen-Oberbekleidungsindustrie das Platzangebot nicht mehr ausreicht. Um einen Teil dieser Schwierigkeiten zu beseitigen, wie sie in vergleichbaren westdeutschen Städten teilweise schon seit Jahren bestehen, hat der Berliner Senat zunächst 10 Millionen DM zum Ausbau und zur Modernisierung vorhandener Häuser zur Verfügung gestellt. Da die Hilton-Gesellschaft überdies Wert darauf legt, ihre Hotels nicht als „Oasen“ der Fremden zu betreiben, sondern zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt auch für die ortsansässige Bevölkerung zu machen, gehen von ihren Objekten wesentliche Impulse nicht nur für die Gastronomie aus. Darüber hinaus ist sichergestellt, daß die Einrichtung des 18-Millionen-Baues zu rund drei Vierteln von Westberliner Firmen hergestellt und geliefert wird. Einer der Vizepräsidenten der Gesellschaft betonte in Berlin, dieses Objekt, das bis zum Spätherbst 1958 fertiggestellt sein soll, sei das reizvollste der insgesamt acht Neubauten, die augenblicklich in aller Welt im Auftrage Hiltons errichtet würden. Die Gesellschaft sei in absehbarer Zeit nicht daran interessiert, sich auch in anderen deutschen Städten niederzulassen, weil – wie er sagte – „es am besten ist, da zu sein, wo die größte Zukunft ist, und die liegt in Berlin“.

Wenn die schon erwähnte Berliner Damenoberbekleidungsindustrie, die ihrem Umsatz nach innerhalb der Westberliner Wirtschaften zweiter Stelle hinter der von jeher bedeutendsten Elektroindustrie rangiert, zwischen dem 5. und 16. November ein ständig steigendes Aufgebot deutscher und ausländischer Einkäufer für die Frühjahrs- und Sommerkollektionen erwartet, wird sie einen großen Teil davon bereits in den neuen Räumen des Bekleidungszentrums begrüßen können, das gegenwärtig mit erstaunlicher Schnelligkeit im Herzen Westberlins neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche emporwächst. Auch hier wird also eine Wirtschaftsgruppe, deren Erzeugnisse den Namen Berlins in alle Welt tragen, das architektonische Gesicht eines der wichtigsten Objekte der Bauwirtschaft, der Zoo-Randbebauung, bestimmen.

Nur wenige hundert Meter weiter, an der berühmten Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße, haben die beiden größten deutschen Versicherungen einen entscheidenden Beitrag zum neuen Gesicht Berlins geleistet, oder sind mit dem Aufbau von Objekten beschäftigt, die nicht nur ihren wirtschaftlichen Sinn als Kapitalanlage erfüllen, sondern als eine städtebauliche Dokumentation des Vertrauens in die Lebenskraft Berlins gewertet sein wollen. Im gleichen Sinne haben dieser Tage die früher in Stettin, jetzt in Lübeck ansässigen „National-Versicherungen“ den Grundstein zu einem Verwaltungsgebäude gelegt, das ihren eigenen Raumbedarf erheblich überschreitet und deshalb zum Teil als Büros und an Konfektionsfirmen vermietet werden soll. Auch dieser Neubau in der Nähe der neuen City Westberlins rund um den Zoo wird einen bemerkenswerten. Zug im neu an Gesicht der Stadt bilden. Bei der Grundsteinlegung fielen wieder einmal programmatische Worte, die in den letzten Jahren bei ähnlichen Anlässen schon oft gesprochen worden sind und die durch die damit verbundenen Taten einen immer realeren Sinn bekommen haben: man sprach von dem Willen, so „einen Beitrag zum Wiederaufbau Berlins als der künftigen Bundeshauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands zu leisten.“