Die Flut der Hauptversammlungen ist zu Ende. Der neue Stil, der sich – von dem großen Unternehmen ausgehend – weit verbreitet hat, bringt leider auch unerfreuliche Begleiterscheinungen mit sich. Ganz ohne Zweifel ist die Publizitätsbereitschaft der Verwaltungen ihren Aktionären gegenüber gestiegen. Ganz ohne Zweifel bemüht man sich ehrlich und erfolgreich, den Aktionär durch eine Auflockerung und Popularisierung des gesetzlich notwendigen Ablaufs einer Hauptversammlung für das Unternehmen zu interessieren. Aber wir glauben feststellen zu können, daß der Aktionär dem Wandel, der sich bei Gestaltung und Ablauf von Hauptversammlungen abzeichnet, nicht überall mit der gleichen Aufgeschlossenheit folgt...

In der Mehrzahl der Fälle werden nur Dividenden-Litaneien abgesungen. Meist sind sie sehr gefühlsbetont und unrealistisch. Das soll allerdings nicht besagen, daß etwa die Dividenden-Politik der Unternehmensleitungen in allen Fällen richtig ist.

Zur Belebung der Aktionär-Beteiligung an den Hauptversammlungen gehört neuerdings auch die anschließende Einnahme einer gemeinsamen Mahlzeit in irgendeinem großen Restaurationsbetrieb der Stadt. Das ist bei den Groß Versammlungen mit 500 bis 1000 Aktionären nicht immer leicht zu bewerkstelligen und außerdem auch sehr kostspielige Leider aber ist dies von doch wohl allzu vielen Aktionären in der drolligsten Weise mißbraucht worden. So konnten wir feststellen, daß auf einigen Hauptversammlungen von Montankonzernen der Kleinbesitz von 2000 oder 4000 DM Aktien auf alle verfügbaren Familienmitglieder im Alter von zwölf Jahren an aufwärts aufgeteilt wurde, daß man zu fünft und sechst anrückte, damit jeder am Essen teilnehmen und jeder für Vati noch sechs bis acht Zigarren mit dem bekannten „Aktionärrollgriff“ – so nennt die Wirtschaftspublizistik seit Jahrzehnten das Abkassieren einer Lage Zigarren – mitnehmen konnte. Kürzlich wurden bei einem HV-Essen von gut eineinhalb Stunden Dauer von rund 350 anwesenden männlichen Aktionären über 2100 Zigarren und von 250 Damen (600 Aktionäre insgesamt) einige Tausend Zigaretten sozusagen schachtelweise „geraucht“. An einem Büfett stand eine „Dame“ neben uns, die sich beim ersten Gang zur Theke gleich 18 Petits Fours auflud. Als sie unser Lächeln sah, meinte sie etwas spitz: „Wieso nicht, die Firma bezahlt ja ...“

Ist das Aktionär-Stil? Rlt.