In den letzten Julitagen ging in der mandschurischen Hauptstadt Mukden vor einem chinesischen Militärgerichtshof ein Prozeß gegen 28 japanische „Kriegsverbrecher“ zu Ende, die angeklagt waren, sich „aktiv an der Durchführung der Politik der-japanischen Imperialisten beteiligt, Chinas Souveränität verletzt und die Grundsätze des Internationalen Rechts und der Menschlichkeit geschändet zu haben“.

Die Angeklagten waren im August 1945 während des siebentägigen russisch-japanischen Krieges in dem damaligen Kaiserreich Mandschukuo, wo sie als hohe Verwaltungsbeamte, Richter und Polizeifunktionäre tätig gewesen waren, in russische Kriegsgefangenschaft geraten und später an die chinesische Volksrepublik ausgeliefert worden. Sie wurden zu Gefängnisstrafen von 12 bis 20 Jahren verurteilt. Die Höchststrafe erhielt Rokuzo Takebe, Chef des einst allmächtigen „Allgemeinen Verwaltungsamtes“ in Mandschukuo. Als Hauptbelastungszeugen gegen diesen jetzt 63jährigen hohen japanischen Verwaltungsbeamten hatte der chinesische Hauptankläger den ehemaligen Kaiser von Mandschukuo, Kang-Teh, vorführen lassen, der sich ebenfalls in chinesischem Gewahrsam befindet. Der Ex-Kaiser erklärte bei seiner Vernehmung: „Ich habe keine tatsächliche Macht besessen. Die gesamte Politik, die Gesetze und Verordnungen wurden in regelmäßigen Sitzungen von Beamten beschlossen, die unter dem Vorsitz von Rokuzo Takebe tagten.“ Diese von der rot-chinesischen Nachrichtenagentur Hsinhua (Neues China) gemeldete Vernehmung ist die erste authentische Mitteilung über den Aufenthalt des Kaisers. Der Bericht erwähnte, der Ex-Kaiser sei zusammen mit einigen anderen Kriegsgefangenen von den Russen an die chinesische Volksrepublik ausgeliefert worden, doch enthält er sich jeder Andeutung über sein zukünftiges Schicksal.

Kang-Teh, der unter seinem ursprünglichen Namen Pu-Yi als Zeuge vor dem Sondergericht in Mukden auftrat, ist dreimal Kaiser gewesen. Als Nachkomme der Mandschu-Dynastie, die drei Jahrhunderte über China herrschte, war er 1908 im Alter von zwei Jahren als Kaiser Hsuan Tang auf den Thron gekommen. Die Sieger der chinesischen Revolution von 1912, welche die Mandschu-Dynastie abschafften, schlossen mit dem Kaiserhaus ein Kompromiß, das in einem anderen Lande wohl kaum möglich gewesen wäre: Während eine republikanische Regierung gebildet wurde, räumten die Revolutionäre dem Kaiser als Anerkennung für seine Abdankung große Vorrechte ein, darunter die Beibehaltung seiner Titel und reichliche Zuwendungen für seine Hofhaltung in einem der kaiserlichen Paläste Pekings. In dieser Zeit übte der Engländer Reginald Johnson als Erzieher den größten Einfluß auf den jungen Kaiser ohne Thron aus. Er war es auch, der seinem Schüler Pu-Yi den europäischen Vornamen Henry gab. Nur einmal trat Henry Pu-Yi in diesen Jahren politisch in die Erscheinung. Das geschah 1917, als ein ehrgeiziger General den Versuch machte, die Mandschu-Dynastie wieder einzusetzen. Damals bestieg Henry Pu-Yi als Hsuan Tung zum zweitenmal den Thron seiner Väter, dem er jedoch nach zwölf Tagen wieder entsagen mußte.

Eine entscheidende Wendung nahm sein Schicksal im Jahre 1924, als General Feng Yusiang Peking besetzte und Pu-Yi verhaften ließ. Damals gelang es dem Ex-Kaiser – als Kuli verkleidet – in das japanische Konzessionsgebiet von Tientsin zu entfliehen, wo er als Privatmann von einer Rente lebte, die ihm von der japanischen Regierung gezahlt wurde. Die Japaner waren es dann auch, die dem letzten Sproß der Mandschu-Dynastie einen neuen Kaiserthron verschafften, als die von einigen chinesischen Generälen unter tätiger japanischer Mithilfe geschaffene „Republik der Mandschurei“ im Jahre 1934 zum Kaiserreich Mandschukuo erklärt wurde.

Damals ließ die chinesische Regierung den Kaiser, auf dessen Kopf sie eine Prämie von 10 000 Dollar ausgesetzt hatte, durch das Oberste Gericht wegen Hochverrats und Paktierens mit dem japanischen Erzfeind in absentia zum Tode verurteilen. Dieses Todesurteil schwebt auch heute noch über dem Haupt des Mannes, der dreimal Kaiser war und seit elf Jahren sein Dasein in russischen und chinesischen Gefängnissen fristet. E. K.