Von Max Brod

Es gibt wohl wenige Menschen, die so viele und so intensive Freuden, ja man kann wohl sagen: Seligkeiten erlebt haben wie Emmy Ball-Hennings. Dabei war das Dasein dieser Dichterin, die – 1858 in Flensburg geboren – vor jetzt acht Jahren in Sorengo bei Lugano starb und als Hauptwerke „Das irdische Paradies“ (1946) und „Ruf und Tat. Mein Leben mit Hugo Ball“ (1953) hinterließ immer wieder von allen möglichen Schwierigkeiten, von Krankheit und unsäglicher Armut umstellt. Und dennoch bleibt sie selbst immer sorglos, immer auf eine wehmütige Art heiter, die unnachähnlich ist, die man ihr aber so gern ablernen möchte. Nun liegen die Dokumente ihres Lebens gesammelt vor, sparsam kommentiert, ausgewählt von ihrer geliebten Tochter Annemarie, die auf <o vielen Lebensfahrten ihre getreue Begleiterin war. Das Buch heißt:

Emmy Ball-Hennings: „Briefe an Hermann Hesse.“ Suhrkamp Verlag. 442 S., 17,80 DM.

Die Intensität, mit der in diesem Buch Landschaffen und Menschen gesehen werden (vor allem Hermann Hesse selbst und seine Frau, die uns als sehr liebenswerte Gestalten näher kommen, von aller dichterischen Schöpferkraft abgesehen): die Intensität scheint keine Grenze zu kennen. Da ist das kleine Hotel in Paris mit dem „Geratter der Bahnen, die vorbeisausen, unter dem Hirschgeröhre der Autobusse und unter den aufgeregten Diskussionen der Russen, die über mir und unter nur wohnen“. Da ist im äußersten Gegensatz dazu einmal ein Durchblick auf eine ganz stille, weilverlorene Landschaft nahe bei Flensburg, von wo die Dichterin stammt. Erstaunt atmet man plötzlich Seeluft ein, während sich auf der Wanderung zwischen endlosen Buchenwäldern immer wieder das Meer zeigt. Das Leben der Wanderlustigen spielt sich oft in Italien, in Klüften und an Felsen ab, dann lange Zeit bis zum Tode im freundlicheren Tessin. Immer wieder erscheint das Ehepaar Hesse, wie Schutzengel schweben sie heran und stiften Gutes. Die Dichtungen Hesses sind ein unverlierbarer Schatz, der dem Herzen von Emmy Hennings mit Wunderkraft immer gegenwärtig bleibt. Wir erleben in Rückblendung die Bohème von Zürich während des ersten Weltkrieges, die glücklichste Epoche von Emmy Hennings, in der sie mit ihrem Mann Hugo Ball (dem Biographen Hesses) vereinigt ist, die Periode des Dada – und seltsam berührt es mich, daß in dieser Episode der in Europa vergessene Maler Marcel Janku auftaucht, der jetzt in Israel zu Ehren gekommen ist, ein Malerdorf organisiert hat und leitet. So klein ist die Welt! Aber auch „so groß ist die Welt“, wenn die inneren Maßstäbe einer solch sorglos-sorgenvollen Lebenswallerin herangebracht werden, wie Emmy Hennings eine war. Mitten in allen Peinlichkeiten verliert sie nie die Fähigkeit, Glück zu empfinden, den Zauber der wesentlichen Dinge zu schlürfen, mit einfachen Menschen harmlos zu reden, den Glanz des Gegenwärtigen zu genießen, Aus dem lärmenden Paris zurückgekehrt, wo sie den Genien Baudelaires und Heines gehuldigt hat, empfindet sie doppelt dankbar die Ruhe der Tessiner Bergheimat. „Als ich in meine stille Stube kam, war ich so selig über die Ruhe, daß ich, als ich mir ein wenig zum Essen einkaufen ging, zur Wohnung sagte „ich komme gleich wieder“. Immer ist das Märchenhafte und daher das Wahre in diesem gelebten Leben vorhanden. Wenn man fünfzig Seiten gelesen hat, fühlt man, daß man besser geworden ist, der Platonischen Idee der Dinge näher gerückt. Und das Weiterlesen wird zur Bestätigung des Besten, was man je in sich geträumt hat – auf höchst beschwerlichem und doch so mild gesegnetem Weg ist es einem hier exemplarisch abseitig, kaum sichtbar, sehr bescheiden vorgelebt worden,