w. d., Berlin

Im Zuge der Entstalinisierung hat es der erste prominente Journalist der Sowjetzone gewagt, in einer kommunistischen Zeitschrift gegen das Spitzelwesen zu polemisieren! Und zwar fand diesen Mut der Auslandskorrespondent der „Wochenpost“, Arno Schmuckler. Er schrieb:

„An den Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei, Abschnitt Berlin-Pankow, Clausthaler Platz.

Werter Kollege Abschnittsbevollmächtigter! Ich wende mich auf diesem Wege an Sie, weil diese Geschichte mich etwas bewegt und man an Gefühlsregungen gern andere teilhaben läßt. Während ich im Auftrage meiner Redaktion im fernen Island weilte, erschienen Sie bei unserer Hauswartfrau und fragten, wie ich mich so im Hause bewege.

Gott sei Lob und Dank, aber man kann wohl sagen, daß ich mich, selbst mit den strengen Maßstäben unserer Hauswartfrau gemessen, wenn überhaupt, dann gut bewege. Ferner wollten Sie hören, was ich eigentlich von Beruf bin. Wohlan denn, nun wissen Sie es. Mich ehrt solch Interesse, denn Eitelkeit ist menschlich, aber ich wohne seit meiner Geburt in diesem Abschnitt, und jetzt plagen mich bange Fragen. Z. B.: wo sind alle die Dutzende Fragebogen geblieben, die ich schon ausgefüllt habe? Oder: dürfte es schicklich sein, von alleine mal wieder einen neuen Fragebogen an mein Revier zu senden?

Den alten Professor, der unter mir wohnt, plagen bange Träume, denn er fürchtet vermutlich, daß eines Tages auch über ihn Erkundigungen eingezogen werden. Sie fragten nämlich auch, ob ich in der Partei sei und Hausversammlungen besuche. Nun ist unsere Hauswartfrau eine, ich darf wohl sagen, mitten im Leben stehende Dame. Aber immerhin nicht so weit orientiert, daß sie all das weiß, was der erwählte Hausvertrauensmann schon besser wissen könnte.

Lieber Herr ABV, ich bewege mich sicher auch manchmal schlecht, aber ich hoffe, nicht so, daß der Berliner sagen würde, ‚dümmer, als die Polizei erlaubt’. Sie haben meine arme alte Mutter in Herzensängste gestürzt. Sie wähnte ihren teuren Sohn in dunkle Affären verstrickt. Sie haben die ganze Umgebung, denn so was spricht sich rum, mit Unterhaltungsstoff versorgt. Vielleicht handelten Sie im Auftrage, dann legen Sie diesen Brief der betreffenden Dienststelle auf den Tisch! Aber schauen Sie, es gibt so viel ängstliche Leute. Man muß ihnen doch nicht noch mehr Angst einflößen. Vielleicht sind solche Recherchen nötig, wir begreifen nicht alles, was für die Polizei unumgänglich notwendig ist, und gut informiert muß die Polizei sein. Aber meine Kaderleitung im Betrieb (Anschrift 2 der ‚Wochenpost‘) weiß viel mehr über mich als unsere Hauswartfrau. Herzlichen Gruß Arno Schmuckler.

PS. Im Augenblick bin ich im Urlaub. Adresse beim Bäcker an der Ecke!“