Die Gegenwart beschäftigt sich sehr mit der Frage, ob wohl die derzeitige Expansion der Industriewirtschaft der westlichen wie der östlichen Welt weiter vorwärtsschreitet, wie die voraussichtlichen Zuwachsraten aussehen werden, und was sich daraus für die Branchen der Industriewirtschaft sowie für die einzelnen Unternehmen für Entscheidungen auf dem Gebiete der Investitionen, also des Ausbaus der Betriebe, ergeben werden. Erst kürzlich hat die Hohe Behörde eine Übersicht über die Investitionsvorhaben die Verbrauchsentwicklung und den voraussichtlichen Bedarf zusammengestellt und veröffentlicht. Sie ist dabei zu durchaus positiven Ergebnissen und zugleich zu der Feststellung gekommen, daß die Expansion im Montan-Bereich anhalte und von einem Rückgang nichts zu spüren sei.

Jetzt veröffentlicht das „Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften“ in seinem Mitteilungsblatt Nr. 7 von Dr. Günther Sieber eine ausgezeichnete Untersuchung über das gleiche Problem. Während die Untersuchung der Hohen Behörde bei der Stahlprognose die Indizes der industriellen Produktion, der Bautätigkeit, der öffentlichen Arbeiten sowie des realen Stahlpreises als Faktoren des Stahlverbrauches angenommen hat und von diesen Veränderlichkeiten ausgeht, ist Dr. Sieber einen anderen Weg gegangen, weil er in der amerikanischen Methode, die auch die Hohe Behörde benutzt hat, zu viele Unsicherheitsfaktoren sieht. Er nimmt statt dessen die Entwicklung des Bruttosozialproduktes als bestimmend für den Stahlverbrauch an und erwartet bis etwa 1960 eine Wachstumsrate von jährlich etwa 6 v. H.

Zunächst einmal das Ergebnis seiner Untersuchung. Sofern keine nachhaltigen Rückschläge aus politischen und sonstigen Gründen eintreten, dürfte die deutsche Stahlindustrie 1960 eine Produktion von 28 bis 30 Mill. t erreichen. Bei einer gegenwärtigen Rohstahlkapazität von 22 Mill. t bedeutet dies ein Mehr von 7,5 Mill. in fünf Jahren oder von 1,5 Mill. t jährlich. Die Walzstahlkapazität, gegenwärtig etwa 16 Mill. t, müßte um etwa fünf bis sechs auf 22 oder jährlich um etwa 1 bis 1,2 Mill. t erhöht werden. Für Roheisen, gegenwärtig etwa 16,5 Mill. t Jahrestonnen Kapazität, lauten die Ziffern für 1960 sogar 24 bis 25 Mill. t, was eine überproportionale Steigerung bedeutet, die sich aus der kritischen Schrottlage als notwendig ergeben hat. (Es sei daran erinnert, daß wir bereits wiederholt darauf hinwiesen, daß viele westdeutsche Stahlwerke einen Teil ihres Schrotteinsatzes durch selbsterzeugtes Roheisen ersetzen.)

Auf dem Walzstahlgebiet, so heißt es in der Arbeit weiter, würden die militärische Aufrüstung, die Automation und die fortschreitende Motorisierung stimulierend wirken. Automation und Motorisierung würden vor allem bei der Eisen- und Stahlverarbeitung, die mehr als 30 v. H. der Walzstahlerzeugnisse abnimmt, sowie beim Fahrzeug- und Maschinenbau, wo knapp 10 v. H. des Walzstahlabsatzes liegen, zu höheren Auftragseingängen führen. Dabei werden Automation und Motorisierung zugleich eine Ausdehnung des Flachstahlbedarfs zur Folge haben. Auf dem Gebiete des Flachstahls aber seien schon heute die Kapazitäten recht groß und würden auch 1960 reichen.

Die militärische Aufrüstung werde die Nachfrage auf dem Gebiet des Eisen- und Stahlbaues, des Schiffbaues, der Flugzeugindustrie sowie des Fahrzeug- und Maschinenbaues steigern. 1937 hatte der Anteil der Rüstung an der Gesamtnachfrage nach Walzstahl-Fertigerzeugnissen zwischen sechs bis sieben v. H. der Gesamtnachfrage ausgemacht. Fachleute erwarten, daß dieser Anteil jetzt steigen wird.

Aus dieser Prognose ergeben sich in unmittelbarer Folge die Auswirkungen auf die Rohstoffseite, d. h. auf Erz, Schrott, Kohle. Hierzu meint die Arbeit folgendes: Die Versorgung mit Erz scheine gewährleistet, dagegen müsse aber die Kokereikapazität beträchtlich ausgebaut werden! und zwar um den Mehrbedarf an Hüttenkoks von drei Mill. t, praktisch also um mindestens sechs bis acht Mill. t oder um 15 bis 20 v. H. Schwierig bleibe die Deckung des Schrottbedarfs, so daß eine allgemeine Senkung des Schrottverbrauchs je Tonne Siemens-Martin-Stahl und eine entsprechende Erhöhung des flüssigen Roheisen/Stahleisen-Einsatzes notwendig werden.

Zur Frage der Finanzierung meint der Verfasser, daß das theoretische Maximum der Investitionsgesamtsumme von 1000 DM je t für die zusätzlich notwendige Rohstahlkapazität von 7,5 Mill. t in fünf Jahren einen Jahresaufwand von 1,5 Mrd. DM bedeute. In der Praxis werde man aber mit 1 bis 1,2 Mrd. DM je Jahr auskommen, da es sich bei den Ausbauten nur selten um Neubau auf der grünen Wiese, meistens dagegen um Ergänzungsbauten handeln wird.

Ehe Dr. Sieber zu diesem Ergebnis gekommen ist, hat er an Hand zahlreicher Tabellen und Einzeluntersuchungen in den Werken der deutschen Stahlwirtschaft die notwendigen statistischen und wirtschaftlich-dynamischen Daten zusammengetragen und zum größeren Teil in der vorliegenden Abhandlung des WWI-Heftes veröffentlicht. Für jeden, der sich für die Spezialfragen, die damit verbunden sind, interessiert, dürfte das Studium jener Abhandlung daher von Nutzen sein. rlt