D. L., London, Mitte August

Die Suezkanal-Krise brachte einen völligen Szenenwechsel. Das öffentliche Interesse hat sich, zumindestens vorübergehend, vom Schatzkanzleramt zum Kriegsministerium verlagert, und es ist bezeichnend für den praktischen Sinn der Engländer, daß diese neue, den Lebensstandard Englands bedrohende Gefahr gar nicht als eigentliches Problem angesehen wird, denn sie ist konkret und militärisch-operativ abwendbar, während die Inflation ein abstraktes und makabres Etwas ist, von dem man in fast schon fatalistischer Manier am besten gar nicht spricht...

Aber die anderen Fragen Großbritanniens sind über die Suez-Affäre weder beiseite geschoben noch zweitrangig geworden. Wenn auch England auf der letzten OEEC-Konferenz grundsätzliche Gespräche über das intervalutare (Miß-)Verhältnis der europäischen Währungen und eine notwendige Neufestsetzung nicht aufkommen lassen wollte, so übersehen aber britische Wirtschaftler keinesfalls, daß die Währungen in der Folgezeit auf Grund der unterschiedlichen Preisentwicklung in den einzelnen Ländern zu weiteren Extremen tendieren müssen. Die Frage ist also nicht, ob eine allgemeine Währungsabsprache umgehbar ist, sondern wie lange sie noch hinausgezögert werden kann. Diese Frage wird um so dringender in allen liberalen Kreisen diskutiert, als die von Großbritannien zugestandene, aber noch nicht in Kraft getretene geringfügige Zollsenkung in einigen Warensparten keine konjunkturpolitische Wirkung haben wird. Um auf die innerbritische Preisgestaltung nachhaltigen Einfluß zu nehmen, würde es beträchtlicher Zollsenkungen bedürfen. Bisher bilden Zoll und Importquoten keinen Schutz für die britische Wirtschaft – sondern Anlaß für eine unter übersteigertem Protektionismus wuchernde Inflation.

Die bereits seit Monaten bemerkbare Balance zwischen künstlicher Deflation und prozessierender Inflation hat sich trotz einiger Verschiebungen nicht verändert. Geringen Gewinnen in den Gold- und Dollarreserven stehen Exporteinbußen gegenüber und dem Rückgang im Teilzahlungsgeschäft eine zunehmende industrielle Investitionstätigkeit. Obgleich Schatzkanzler Macmillan offensichtlich nicht verkennt, daß eine Verschärfung der Depressionsmaßnahmen ein gefährliches Experiment sein muß, kündigte er weitere Maßnahmen an. Gleichzeitig aber hat sich der Kanzler auch in letzter Zeit häufiger als je zuvor an die Sozialpartner gewandt, denn die wirtschaftliche Stabilität oder Labilität Englands hat ihre Ursache weniger in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit als in der Preis- und Arbeitsdisziplin. Die Regierung kann wohl durch preispolitische Operationen direkten Einfluß auf die Wirtschaftslage nehmen, nicht aber auf grundlegende preisbestimmende Faktoren wie Handelsspannen und Lohngestaltung. Zu diesen führt der Weg über die Unternehmer und Gewerkschaften. Das Echo, das der Kanzler (selbst von Kräften, deren Substanz auf dem Spiele steht) erhielt, ist nur schwach. Die Gewerkschaften haben der Situation sogar noch weniger Verständnis entgegengebracht, obwohl im Falle einer Inflation die sozial Untenstehenden auf eine lange Zeit härter getroffen werden als durch einen freiwilligen und schmerzlos tragbaren Verzicht auf einen fragwürdigen höheren Lebensstandard zur rechten Zeit.

Gewiß haben einige Firmen und auch Unternehmen der öffentlichen Hand einen bedingten mehrmonatigen Preisstopp angekündigt. Aber jede freiwillige Auflage bedarf weitgehender Unterstützung durch den Staat, besonders durch eine bisher vernachlässigte Stabilisierung der Grundstofferzeugnisse und des Transportwesens, deren Kontrolle in den Händen der Regierung liegt. Darüber hinaus hat die Vereinigung der Maschinenbauanstalten bereits im Vorwege alle etwaigen Lohnforderungen gegen ihre Mitglieder – selbst auf die Gefahr eines Streikes hin – zurückgewiesen, wobei aber gesagt werden muß, daß es sehr fraglich ist, ob die Gewerkschaften in der gegenwärtigen Situation einen Lohnkampf überhaupt mit Streikmitteln auftragen würden.

Denn ein weiteres Problem beschäftigt augenblicklich Gewerkschaften, Unternehmer und Regierung in gleichem Maße: Die Entlassungen in der Automobilindustrie. Zwischen dem Maistreik der 11 000 Arbeiter in den Werken der Standard Motor Company in Coventry und dem Streik der 22 000 in den verschiedenen Gesellschaften der British Motor Corporation besteht eine gewisse Parallele. Beide Unternehmen leiden unter der Lohn- und Preisspirale, wie auch unter den deflationistischen Maßnahmen. Die Standard Werke reagierten mit dem Bau einer vollautomatischen Traktorenfabrik und entsprechender Kürzung des Personals, die B. M. C. lediglich mit Produktionseinschränkungen und dadurch folgenden Entlassungen. In beiden Fällen folgte ein Streik. Aber die Parallele läßt sich nicht weiter zeichnen, denn der Streik der Arbeiter bei den Standard-Werken richtete sich im Grunde gegen „die Verdrängung des Menschen durch den Roboter“, gegen einen notwendig gewordenen technischen Fortschritt, während der Streik der B.M.C.-Arbeiter Ausdruck einer Existenzangst ist. Das zeigt sich auch darin, daß in dem einen Fall alle Arbeiter streikten, im anderen jedoch nicht einmal die Hälfte. Wohlwollende Beobachter wollen in der Streikverweigerung ein Zeichen zunehmenden Verantwortungsbewußtseins der Arbeiterschaft sehen, wenn in den Werken der British Motor Corporation bis zum Beginn der Betriebsferien über 50 v. H. der Arbeiter erschienen, vergessen jedoch darüber die psychologischen Aspekte.

In den Nachkriegsjahren ist die britische Automobilindustrie ungewöhnlich schnell gewachsen und beschäftigt heute dank fortscheitender Automatisierung einen unverhältnismäßig hohen Anteil ungelernter Arbeiter, Leute, die hier „Industrienomaden“ genannt werden, weil sie unbedenklich für die geringste Lohnverbesserung ihren Arbeitsplatz wechseln. Diese Kräfte bilden überall (und nicht nur in England) die ersten Unruheherde, während die Stammarbeiter, die übrigens von allen Entlassungen nicht betroffen wurden, kaum geneigt sind – auch nicht auf gewerkschaftliche Anweisung hin – den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Die Streikverweigerung des Großteils der B.M.C.-Arbeiter ist somit auch zu einem Kriterium für die Gewerkschaften geworden. Diesmal sind es nicht, wie leider so oft in früheren Fällen bei den Streiks der Hafenarbeiter, kommunistische Kräfte, die eine Meinungsspaltung herbeiführen, sondern realdenkende konservative Kräfte, die sich der Gewerkschaftstaktik entgegenstellen und damit der gegenwärtigen Führung eine Niederlage beibringen, die – wenn auch auf kleinerer Bühne – mit dem Zusammenbruch des Generalstreiks von 1926 verglichen werden kann.