F.R.S., Bern, im August

Die 1948 in Funktion getretene staatliche und obligatorische „Alters- und Hinterlassenen-Versicherung“ (AHV) hat ihre dritte Revision hinter sich, und nun schlägt der Bundesrat bereits eine vierte vor. Die Revisionen brachten bisher eine bescheidene Ausweitung des Kreises der Begünstigten, oder auch leicht erhöhte Renten. Diese Mehrleistungen waren ohne weiteres möglich, da die Einnahmen der Versicherung alle Erwartungen übertrafen. Die AHV wird aus Beiträgen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber von je 2 v. H. der Lohnsumme, aus buchmäßigen Beiträgen der öffentlichen Hand und aus den Zinserträgen des angelegten AHV-Fonds gespeist. Über die Notwendigkeit und die Höhe dieses Fonds gingen die Meinungen von Anfang an stark auseinander: Die Experten schwankten in ihren Angaben über das „versicherungstechnisch Notwendige“ zwischen anderthalb und zehn Mrd. sfrs. Heute hat der AHV-Fonds (= Überschuß der Einnahmen über die Ausgaben) eine Höhe von 3,4 Mrd. erreicht.

Die meisten Sachverständigen halten diesen Betrag für übersetzt; diese Ansicht scheint durch die Anlageschwierigkeiten des Fonds einerseits und durch die stark gestiegenen sonstigen Einnahmen der AHV andererseits einigermaßen begründet. 1946 hatten die Versicherungsmathematiker für die Zeit bis 1954 Einnahmen von 2,6 Mrd. Franken errechnet; tatsächlich wurden in dieser Periode weit über 3 Mrd. allein aus den Beiträgen der Versicherten und der Arbeitgeber erreicht. Die Fondszinsen warm für die ersten sieben Jahre auf 264 Mill. veranschlagt worden, kletterten aber trotz des bekannten „Zinszerfalls“ auf 280 Mill. Wären nicht 1951 und 1954 Mehrausgaben beschlossen worden, so wäre der AHV-Überschuß noch beträchtlich größer.

Die bisherigen Erfahrungen haben dreierlei ergeben: erstens ist eine gewisse Großzügigkeit in der Übertragung von Volkseinkommensteilen von der jungen erwerbstätigen Bevölkerung auf die jeweils alte Generation bei anhaltend guter Konjunktur ohne weiteres möglich. Die heute bei rund 2700 Franken liegende Maximalgrenze für die Ehepaar-Altersrente je Jahr wird sicher noch mehr als einmal hinaufgesetzt werden; zweitens läßt sich ein so entscheidender Faktor wie die Entwicklung des Geldwertes mathematisch nicht erfassen; die „schleichende Inflation erklärt zur Hauptsache die Fehlprognosen, macht aber auch eindeutig klar, wo der schwache Punkt der Sozialversicherung liegt. Spartätigkeit ohne Gewähr für Kaufkraftstabilität ist illusorisch oder zwingt in einer parlamentarischen Demokratie zu recht komplizierten und immer zu spät kommenden Revisionen im Sinne der Angleichung der Renten an die steigenden Lebenskosten. Drittens ist das Fundament einer Versicherung von derartigem Umfang nur güterwirtschaftlich zu verstehen, das heißt: Die letzte Sicherheit und der letzte Sinn auch der AHV liegt nicht in den ausbezahlten Nominalbeträgen, sondern im Realwert der Güter, die vom Versicherten damit gekauft werden können. Diese Güter müssen aber zuerst und fortlaufend produziert werden, und zwar von der dann im Arbeitsprozeß stehenden jungen Generation. „Vollbeschäftigung ohne Geldentwertung“ wäre offensichtlich – auch vom Standpunkt der Sozialversicherung aus gesehen – der Idealfall.