Zum ersten Male seit Bestehen des italienischen „Oscars“, des seit elf Jahren von einer Prüfungskommission des Syndikates der Filmkritiker verliehenen Filmpreises, wurde kein „Silberner Filmstreifen“ für die beste Hauptdarstellerin in einem italienischen Film verliehen. Und vielleicht ist es gerade diese Tatsache, daß keine wogenden Busen und keine „göttlichen“ Lollos oder Sofia Loren in die engere Wahl einbezogen wurden, die einerseits die absolute Ehrlichkeit der Prüfungskommission bekundete, andererseits aber besonders schmerzlich die künstlerische Krise aufzeigt, in der der italienische Film im letzten Jahr geraten ist, trotz der Rekordzahlen an produzierten Filmen. Auch die Zuerkennung des Preises für den besten männlichen Hauptdarsteller hat etwas überrascht: Alberto Sordi in „Der Junggeselle“ erschien nicht jedem als der Verdienstvollste. Aber die Begründung der Jury, daß erfolgreiche und größere Schauspieler wie zum Beispiel Vittoria de Sica oder der Komiker Toto sich nicht „erneuert“ hätten, sondern sich ohne Anstrengung in der einmal vom Publikum applaudierten maniera wiederholten, entbehrt nicht einer sehr treffenden Kritik an dem allzu routinierten Startum gewisser arrivierter Künstler.

Unberührt von Korruption, Publikumsgeschmack, politischen oder geschäftlichen Interessen oder Begünstigungen hat die Jury es verstanden elf Jahre hindurch ihrUrteil lediglich von rein künstlerischen Gesichtspunkten aus zu fällen, und der Ruf solch absoluter und in der heutigen Zeit auch seltenen – Unbestechlichkeit, den sie sich damit erworben hat, gab auch dieses Jahr dem Urteil besonderes Gewicht.

Bei der Wahl des besten italienischen Filmes soll es diesmal geradezu dramatisch zugegangen sein. Die Urteile der vergangenen Jahre verpflichten: Wir nennen nur aus den letzten Jahren Fellinis großartigen Film La Strada, der von der Jury in offenem und berechtigtem Gegensatz zum Urteil der Biennale in Venedig preisgekrönt wurde, oder die weiter zurückliegende Auszeichnung von De Sicas „Fahrraddiebe“. Diesmal fiel die Wahl auf die Arbeit des jungen Regisseurs Rossi für sein „Amico per la pelle“ (soviel wie „Die unzertrennlichen Freunde“), ein delikater Film über die Probleme einer Kinderfreundschaft zwischen zwei Knaben aus verschiedenem sozialem Milieu, der mit sicherem Instinkt und erfrischender Sauberkeit, doch ohne besondere Originalität angepackt wurde. Daß er ausgesucht wurde, war im Grunde erfreulich, aber man versteht, daß bis zuletzt ein gewisser Kampf darum ging, waren doch so sehr viel dekorativere Streifen – wie die „Römischen Erzählungen“ nach den Novellen Moravias, ein Film mit der Pampanini „Die Schöne aus Rom“, und besonders Blasettis letzter Film mit Sofia Loren und Charles Boyer La fortuna essere donna (Die schönste Frau der Welt) – mit in die engere Wahl gekommen.

Als bester ausländischer Film wurde ohne Komplikationen Jacques Beckers alter Film „Casque d’or“ (Der Goldhelm) ausgewählt. Zu hoffen bleibt, daß Regisseure und Produzenten sich das diesjährige Urteil durch den Kopf gehen lassen und vielleicht einen Sofia-Loren- oder Lollofilm weniger drehen, und man dafür wieder einen italienischen Film mit Anna Magnani zu sehen bekommt. I. P.