Von F. O. Miksche

Oberstleutnant F. O. Miksche, Verfasser des Buches „Atomwaffen und Streitkräfte“, gilt als hervorragender militärischer Sachverständiger. Während des Krieges hat er die militärischen Analysen für den „Manchester Guardian“ gemacht. Miksche ist Offizier der französischen Armee. Er wurde in dem Teil Schlesiens geboren, der im Versailler Vertrag an die Tschechoslowakei abgetreten werden mußte. Gegenwärtig ist er in Paris in militärischer Forschung tätig. Im folgenden Aufsatz setzt er im einzelnen auseinander, warum Europa mit Atomwaffen allein nicht verteidigt werden kann.

Der Chef des Stabes der amerikanischen Luftwaffe, General Twining, tritt für eine Verringerung der Streitkräfte „alten“ Stils ein. Nach seiner Ansicht soll die „neue“ Strategie auf Atomwaffen aufgebaut werden. Der US-Minister für die Luftstreitkräfte, Donald Quarles, geht noch weiter. Er erklärte, die Atomwaffen der USA seien das wirksamste Abschreckungsmittel sowohl für lokal begrenzte wie weltweite Konflikte.

Es sind aber nicht nur strategische und waffentechnische (auch nicht allein finanzielle) Überlegungen, die in Amerika den Entschluß zur Umrüstung immer mehr bestärken – auch politische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Nur zögernd haben seit 1949 die NATO-Mächte ihr Rüstungsprogramm erfüllt; in den letzten Monaten aber ist der Wehrwille praktisch auf den Nullpunkt gesunken. Truppenverminderungen und Kürzungen des Wehretats werden allenthalben diskutiert. Deutschlands Wiederaufrüstung zieht sich immer mehr in die Länge. Und dabei hatte man im Westen auf Grund der Kriegs- und einer noch viel unverantwortlicheren Nachkriegspropaganda geglaubt, daß die „Kriegerischen Teutonen“ begierig zitternd auf den großen Augenblick warten, in dem sie wieder zu den Waffen greifen dürften!

Dies alles hat gewiß mit dazu beigetragen, daß die Amerikaner gegenwärtig nach neuen Wegen suchen, um Europa gegen einen eventuellen Zugriff Moskaus zu sichern; nicht nur in unserem, sondern auch in ihrem Interesse. Denn solange die Völker nicht vertrauen können, sind sie gezwungen, ihr Verhältnis auf ein machtpolitisches Gleichgewicht zu gründen. Der Ausbau einer möglichst zuverlässigen Verteidigung Europas ist darum heute genauso wichtig wie je. Fraglich ist allerdings, ob dieses Ziel erreicht werden kann, wenn man sich zu einseitig auf Kernwaffen verläßt.

Admiral Radford – dessen Amt etwa dem eines Generalinspekteurs der drei Wehrmachtteile entspricht – setzt sich für eine Strategie ein, die Nordamerika praktisch zu einer Festung machen würde, zu einer Festung, die als eine Art Vorpostenkette Luftstützpunkte in den verschiedenen Ländern Europas, Asiens und Afrikas unterhält. Von diesen Stützpunkten und aus der Festung selbst sollen im Ernstfall Flugzeuge mit den Atombomben starten, während große Transportflugzeuge kleine, hoch modern ausgerüstete Truppenverbände an die Brennpunkte des Konflikts werfen.

Kann Europa unter diesen Auspizien wirklich das Gefühl der Sicherheit haben? Sowohl politische wie militärtechnische Argumente sprechen dagegen.