A., Dornbirn im August

Mit 252 000 Besuchern, darunter rund 100 000 aus 80 Staaten aller Erdteile – besonders aber Deutschland und der Schweiz –, hat die diesjährige Dornbirner Textilmesse einen Rekord aufgestellt. Sie war einer der bedeutendsten Textilmärkte, die in den letzten Jahren in Mitteleuropa abgehalten wurden. Zum erstenmal seit 1950 konnten die Textilfabriken, die auf diesem westösterreichischen Messeplatz ausstellten, in verschiedenen Artikeln keine kurzen Lieferfristen mehr zugestehen. Während die Nachfrage des inländischen Handels durchschnittlich blieb, zeichnete sich eine neue und kräftige Exportsteigerung ab, die vielleicht doch noch den lange erwarteten Anschluß der österreichischen Textilindustrie an die Konjunkturlinie bringt. Freilich müssen die österreichischen Fabriken eine Komplettierung ihres Angebots auf Kolonialgewebe und Stoffe für die Länder der heißen Zone vornehmen; eine zweifellos schwierige Aufgabe für einen Industriezweig, der im Sinne der Empfehlungen, die das Textilkomitee der OEEC ausgab, eher auf Spezialisierung zur höchstwertigen Markenware tendiert. Die Oberleitung des englischen Baumwollwarengeschäftes mit Afrika und Asien in andere Kanäle – eine Auswirkung der weltpolitischen Entwicklung – machte sich in Dornbirn diesmal schon sehr bemerkbar. Norddeutsche Exporthäuser und Handelsfirmen in Übersee wollen vom Abbröckeln der britischen Monopolstellung gewinnen, doch ist noch nicht in allen Fällen der eingespielte Verkaufsapparat vorhanden. Abgesehen von diesem Erfordernis wird man in Österreich neue Markterkenntnisse sammeln müssen, wie dies bei der Vorarlberger Stickerei, die nach allen Erdteilen liefert, schon der Fall ist.

Die Aussichten auf eine Wiederbelebung des Osthandels bleiben weiter minimal. Ostdeutsche, Tschechen, Polen, Sowjets, Chinesen und Ungarn studierten den Dornbirner Textilmarkt; man hörte von der Aufstellung umfangreicher „Wunschlisten“, die vermutlich bei den nächsten Handelskonferenzen mit den Österreichern eine gewisse Rolle spielen dürften. Doch nennenswerte Geschäfte kamen nicht zustande. Eine rotchinesische Delegation des „Komitees zur Förderung des internationalen Handels“ hatte sich auf eine reine Beobachtung beschränkt. Hingegen waren die osteuropäischen und ostdeutschen Kollektivausstellungen in Dornbirn (teilweise mit Webstühlen für Baumwolle und Seide sowie Textilprüf- und Kontrollapparaten) nicht erfolglos.

In den Textilmaschinenhallen war die Geschäftstätigkeit ziemlich rege. Die österreichische Textilindustrie, deren Investitionsbedarf von ihrem Präsidenten Dr. Franz J. Mayer-Gunthof auf rund eine Mrd. S geschätzt wird, hat in erster Linie ausländische Maschinen und Apparaturen für die Vorwerke und die Ausrüstung eingekauft. Dabei kamen die westdeutschen Maschinenfabriken gut zum Zuge, mit Abstand auch einige schweizerische und italienische Angebotsteller. Konstruktionen zur Erweiterung der Textilproduktionen selbst gingen nur bei Strick- und Wirkwaren vorzüglich, während die Webereien, wiederum vollautomatische Stühle nur insoweit brauchten, wie die Ausschaltung der alten Maschinen fortschreitet. Personaleinsparung und Erhöhung der Arbeitsergiebigkeit sind die Notwendigkeiten, vor denen die österreichischen Textilwärenfabrikanten stehen. Die Expansion der Wirkereien – und hier wiederum der Strumpfindustrie – ist auffallend und führte auf der Messe zu umfangreichen Käufen einschlägiger Maschinen überwiegend aus der Deutschen Bundesrepublik; ähnliche Erfahrungen machten die Erzeuger von Industrienähmaschinen mit der österreichischen Konfektion, die stürmisch in die Breite geht.

Repräsentativ waren in diesem Jahr die Weltfirmen der Textilchemie mit Chemiefasern vertreten. Der hartnäckige Wettbewerb auf überstaatlicher Basis um die Gunst des Verarbeiters und des Konsumenten blieb bei aller Konzilianz nicht zu übersehen. Presseempfänge, Standmodeschauen und Filme wurden geboten, und der Interessent hatte den Eindruck eines erheblichen Fortschrittes auf dem Gebiet der vollsynthetischen Fasern, wobei in diesem Konzert die bundesdeutschen, schweizerischen und amerikanischen Produzenten die Hauptrolle spielten. Am Rande plazierte sich auch ein mitteldeutsches Werk mit starker Beachtung.

Ein Novum war das Auftreten der Triestiner, die auf der Dornbirner Messe für ihren Hafen warben und mit ihrer für Österreich günstigen Verkehrslage operierten. Hier werden die norddeutschen Häfen ja heute der österreichische Umschlag den Triestiner Hafen.

Die Dornbirner Messeleitung hat übrigens neue Pläne, vor allem in der repräsentativen Herausstellung der Wiener Mode die am Laufsteg noch wirksamer mit den Kreationen des Auslandes gemeinsam vorgeführt werden soll. Man denkt an ein Forum des Modeschaffens rund um die Modeschau. Auch liegen schon Projekte für den Neubau einer weiteren Messehalle vor, um das Provisorium mit gemieteten Großzelten aus der Schweiz abzuschließen. Schließlich ist noch mit organisatorischen Entwicklungen auf internationaler Ebene zu rechnen, um vor allem die Bundesrepublik und die Schweiz stärker an Dornbirn zu binden.