In der vergangenen Woche nahmen anfangs die Kurseinbußen auf den Aktienmärkten geradezu bedrohliche Formen an. Die Welle neuer achtprozentiger Industrieanleihen hatte die Abgaben verschärft und die Baissiers taten mit Leerverkäufen ein übriges, um die Abwärtsbewegung zu beschleunigen. Unter dem Eindruck dieser bedrohlichen Bewegung wurde dann „hinter den Kulissen“ gehandelt. Die schon kurz vor der Veröffentlichung gewesene Anleihe der Chemischen Werke Hüls ist zurückgestellt worden, den Zeitungen, denen die Anzeige zur Zeichnungsaufforderung bereits vorlag, teilte man mit: aus juristischen Gründen. Als dann auch die Vertagung der beabsichtigten Hoesch-Anleihe und die wahrscheinliche Absetzung der Kaufhof-Anleihe durchsickerte, zu gleicher Zeit am Aktienmarkt potente Käufer auftraten, schien die Gefahr für die Aktien gebannt. Die Einsicht, daß man den Kapitalmarkt nicht überfordern dürfe, hatte sich durchgesetzt. Damit war der Weg für eine Kurserholung, die einen Teil der anfänglichen Verluste ausglich, frei.

Für die AEG-Anleihe (50 Mill. DM) fanden sich wieder genügend Interessenten. Auch die Ausländer haben sich erneut an den Zeichnungen beteiligt. Die Nachricht von dem internen Anleihestopp hat die Nachfrage nach den bereits aufgelegten achtprozentigen Industrieanleihen verstärkt und den Kurs der Bosch-Anleihe bis auf 98 1/2 bis 98 3/4 v. H. steigen lassen. Eine Beruhigung ist ebenfalls bei den Auslandsbonds und den übrigen Industrieobligationen eingetreten, die hinsichtlich ihrer Rendite einige Chancen zu bieten haben. Aber auch bei den Aktien ist die Rendite auf der Basis des gegenwärtigen niedrigen Kursniveaus und in Auswirkung erhöhter Dividendenzahlungen beachtlich gestiegen. Nach einer Aufstellung der Bayerischen Vereinsbank hatte sich die durchschnittliche Aktienrendite von ihrem Tiefstand von 2,53 v. H. Ende April 1955 auf 3,77 v. H. Ende Mai 1956 erhöht. Heute rentieren Standardaktien schon zwischen vier und fünf v. H., vereinzelt sogar darüber. Die in den Papieren enthaltene Substanz, ohnehin ein schwer zu bewertender Kursfaktor, spielt gegenwärtig keine Rolle mehr. Daran hat auch die Ägypten-Krise nichts ändern können. Käme es tatsächlich in Nahost zu einem Waffenkonflikt, der dann zwangsläufig die Weltwarenmarktpreise nach oben in Bewegung setzt, könnte die Entwicklung auf den deutschen Wertpapiermärkten wieder anders laufen. Bislang liegen jedoch hierfür keine Anzeichen vor.

Die seit der vergangenen Wochenmitte auf allen Märkten zu verzeichnende kräftige Kurserholung ist eine Folge der Rück- und Deckungskäufe des Berufshandels, aber auch echter Kundenorders. Die AEG-Aktien, die bis 196 1/2 v. H. vernachlässigt waren, kamen neuerdings sogar auf 206 1/2, das heißt, sie gewannen trotz Börsenschwäche über sieben Punkte. Bei Siemens machen sich immer noch die mit der kommenden Kapitalerhöhung in Verbindung stehenden Abgaben bemerkbar. Angesichts der Enge auf dem Kapitalmarkt übt jede Aktienemission zwangsläufig einen Druck aus, denn die Bezahlung junger Aktien wird nur zu einem Teil mit neuem Kapital vorgenommen, viel zu oft müssen die Mittel durch den Verkauf alter Papiere beschafft werden. Das ist kein Wunder, wenn man sich die Summe ansieht, die zum Beispiel in den ersten fünf Monaten dieses Jahres emittiert wurde. Es waren 911 Mill. DM, gegenüber 610 Mill. im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Leider ist zu befürchten, daß der Druck auf den Kapitalmarkt anhalten wird, bis eine Steuersenkung die Kapitalbildung auch in privater Hand fördert. Der Kapitalbedarf der Industrie besteht unvermindert. Er sucht seine Befriedigung dort, wo sich Möglichkeiten bieten.

Die IG-Farben-Nachfolger konnten ihre Wochenverluste zum größten Teil wieder ausgleichen. Die Liquis erreichten mit 30 v. H. ihren bisher tiefsten Stand in diesem Jahr, inzwischen sind sie wieder auf 31 1/4 angezogen. Der Montanmarkt blieb ohne Sonderbewegungen. Bei den Kaliwerten war die Kursbildung oftmals zufallsbedingt, denn nur so sind die lebhaften Schwankungen bei Salzdetfurth (210 1/2 bis 203 1/2 bis 209) zu erklären. Aufschlußreich erscheint die Bezugsrechtnotierung bei der Commerz- und Disconto-Bank, weil sie den Schluß zuläßt, daß hier die Majoritätskäufe noch keineswegs ihr Ende gefunden haben. Auf alle Fälle suchten die Beteiligten ihre bisherigen Positionen zu halten. Unter diesen Voraussetzungen konnte es angehen, daß die Bezugsrechtnotiz von 52 v. H. (an den Vortagen 47 und 50) beträchtlich über der rechnerischen Parität lag. Der Aktienkurs der Commerz- und Disconto-Bank lautete 252 (254). Wahrscheinlich wird die alte Commerzbank in ihrer, früheren Form nicht wieder erstehen. Die Klammer, mit der die drei Institute zusammengehalten werden sollen, könnte nur durch einen Aufkauf der Aktien der beiden kleineren Schwesterbanken bestehen, der eine Zeitlang beide Papiere auf nicht gerechtfertigte Kurshöhen brachte. -ndt