Ein säkularisierter Klosterhof wird von den kalvinistischen Bewohnern aufgegeben, als die Spanier nach Flandern kommen. Da macht sich auf dem verlassenen Anwesen das rechtgläubige Bauerngeschlecht der van Dijks seßhaft. Durch Jahrhunderte hin (inzwischen spaltet sich Belgien auch staatsrechtlich von den Niederlanden ab) tritt auf dem Klosterhof jeweils der erstgeborene Sohn das unteilbare Erbe an, während seine Brüder zur See oder als Soldaten ihr Glück suchen. Bis es einmal gerade den Älteren wegtreibt in die Fremde, und ein alt gewordener Witwer dann den jüngeren seiner beiden Söhne, der „in der Stadt am Strom“ in eine Bank eingetreten und mit einer Lageristentochter verheiratet ist, wieder heimholen muß auf den Hof. Willig läßt sich der Zurückgeholte ins Joch spannen, doch seine Frau will keine Bäuerin werden. Ein Ehekonflikt beginnt zu schwelen und trübt das Verhältnis der Mütter zu ihrer fast schon halbwüchsigen Tochter. Die statt mit einem Bankprokuristen nun mit einem Bauern Verheiratete läßt ihren Mann zeitweise im Stich, um mit ihrem kleinen Sohn bei städtischen Verwandten unterzuschlüpfen. Unterdessen besucht ihre Tochter Elisabeth, die es, nach anfänglichem Zerwürfnis, mit dem herrisch-aufrichtigen Großvater hält, weiter die Dorfschule, wo eine Nonne das Lehramt versieht.

Fast beklemmend idyllhaft mutet das zunächst an, und so möchte man in dem Erzählband, von dem die Rede ist, wohl einfach ein typisches Zeugnis flämischer Beschaulichkeit und Inwendigkeit erblicken:

Maria Rosseels: „Im Schatten der Bilder.“ Roman. Deutsch von Georg Hermanowski. J. P. Bachem Verlag, Köln. 243 S., 8,60 DM.

Doch der erste Augenschein trügt. Mit der Kleinwelt eines Timmermanns, eines Ernest Claes gibt es hier keine Berührungspunkte; auch nicht mit dem Bauerntum, das Stijn Streuvels gezeichnet hat. Maria Rosseels, die in Brüssel geborene und heute im Literatur- und Filmressort der Zeitung De Standaard. tätige Autorin, faßt die Dinge mit durchaus eigenem Griff. Daß die Problematik eines Lebens unter dem Bann der Ahnen und „im Schatten der Bilder“ (so ist der abgeänderte Titel der deutschen Übertragung gemeint!) das Hauptziel des Romans sein soll, leuchtet allerdings nicht ein. Seine packende Wendung verdankt das im Original „Elisabeth“ betitelte Buch vielmehr dem Spür- und Gestaltungsvermögen, mit dem Maria Rosseels sentimentfrei die Entwicklungsphasen einer reifenden Mädchenseele erhellt. Diese Elisabeth ist bald als „Ketzerin“ verschrien, weil sie nichts „hinnimmt“, sondern „Beweise“ will. Nur vom Großvater verstanden, vom Vater kaum je geleitet, von der Mutter fast als Störenfried betrachtet, wird Elisabeth Sorgen- und Lieblingsschülerin der kranken Nonne Maura. Für Schwester Maura schreibt Elisabeth ein Märchen nieder, das in seiner kindlichen Vorstellungswelt unverkennbar flämisch und auch als psychologischer Test erstaunlich glaubhaft ist. Von der Todgeweihten, die der Lieblingsschülerin ihre sämtlichen Bücher übereignet, bekommt Elisabeth überdies das Verlangen ins Herz gepflanzt, zu studieren. Mitten in den Spannungen, die das Dasein auf dem Klosterhof dramatisieren, vollzieht sich Elisabeths Selbstfindung, im vollen Lebensernst schmerzhaft sich entfaltender Jugend. So meint man es zwischen den Zeilen zu lesen, während Maria Rosseels nie ausdrücklich interpretiert, sondern sich auf das Darstellen beschränkt. Eine Erzählerin, die durch ihre Besonnenheit gefangennimmt.

Starke Energien strahlt auch ein anderer flanderischer Roman aus:

F. R. Boschvogel: „Dein leuchtendes Haar, Amarilla.“ Roman. Aus dem Flämischen übertragen von Georg Hermanowski. J. P. Bachem Verlag, Köln. 232 S., 8,60 DM.

Wie auf farbig detaillierten Gobelins zieht in diesen bewegten Romankapiteln ein Malerleben aus den Tagen Kaiser Karls des Fünften vorüber – zerrissen und vorzeitig zerrieben, aufgespalten in zwei Liebesbündnisse mit Frauen, die für ihr leidenschaftlich gesuchtes Glück einen ähnlich hohen Preis entrichten wie der Vater ihrer Kinder. Von Antwerpen und Brügge wölbt sich der Bogen des Abenteuers bis nach Madrid und Santiago de Compostela, doch nirgends verlieren sich die scharf umrissenen Figuren im Vagen.

Wie in einer Ballade häufen sich Lüge, Schuld und Tragik, fährt erbarmungslos der Streich des Todes herab. Abhold der Neigung seiner Landsleute zur Mystik, tritt der Autor ganz hinter seine streng komponierten Bilder zurück. In Kostüm und Kontur einer entschwundenen Zeit, aber aus heutiger Sicht, fächert er auswegslose Situationen auf. F. R. Boschvogel ist einer der Träger des Belgischen Staatspreises für Literatur. Im Flandern von einst beschwört er die unverkennbare Atmosphäre des Flandern von immer – unerschöpfliche Vitalität! hg. m.