Vor kurzer Zeit erschien eine Studie über die Oder-Neiße-Linie von Miß Elisabeth Wiskemann (Germany’s Eastern Neighbours, Problems Relating to the Oder-Neisse Line and the Czech Frontier Regions; issued under the auspices of the Royal Institute of International Affairs, Oxford University Press). Das Buch wurde durch eine Besprechung von Richard Crossmann in der sozialistischen Wochenzeitung The New Statesman zu einer politischen Kundgebung. Was Crossman mit seinem brillanten Intellekt aus dem Buche herausholte, war in dem Werk durchaus vorhanden, aber längst nicht so pointiert wie in der Besprechung des New Statesman.

Das Buch von Miß Elisabeth Wiskemann bleibt hinter dem zurück, was mit Fug und Recht von einer Veröffentlichung erwartet werden muß, die unter dem Schirm des Royal Institute, also des Chatham House, steht. Denn wenn die Meinung der Autorin auch nicht die Meinung des „Royal Institute“ darstellt, so trägt es doch die Verantwortung für die wissenschaftliche Qualität und das publizistische Niveau. Und mindestens muß man sich fragen, ob es ein sehr glücklicher Einfall war. Miß Wiskemann mit einer doch immerhin repräsentativen Studie über die Oder-Neiße-Linie zu beauftragen. Was an dem Buch stört, ist ein Mangel an Behutsamkeit, an Rücksichtnahme auf die Gefühle von Millionen von Menschen, denen die Oder-Neiße-Linie das Dasein zerbrochen hat, ein Mangel an menschlicher Zurückhaltung und an Takt.

Wir wissen, wie schwer die polnische Frage auf dem englischen Gewissen liegt. Großbritannien ist 1939 ins Feld gezogen, um Polens Integrität zu erhalten. Dann aber mußte es seine Zustimmung geben, daß Polen den größeren Teil seiner Ostgebiete an die Sowjetunion preisgab. Man konnte sich als Engländer nur damit beruhigen, daß das Versprechen, Polen ungefähr in dem Gebietsumfang von 1939 zu erhalten, einigermaßen eingelöst werde, wenn man sich zu einer Kompensation für Polen auf Kosten Deutschlands bereiterklärte. Es handelt sich bei alldem um eines jener schwierigen weltpolitischen Probleme, an die man nicht mit großen pathetischen Deklamationen herangehen kann.

Gerede nützt da ebensowenig wie das Pochen auf vergilbte Urkunden. Aber gerade deshalb ist das Buch von Miß Wiskemann kein Beitrag zu dieser Frage, die uns zu den schwersten Verantwortungen aufruft. Miß Wiskemann hat es sich leicht gemacht, sehr leicht. Sie ist an eine zu große Aufgabe mit zu kleinen Mitteln gegangen.

Schon beim Vorwort stoppt man. Das schreibt Miß Wiskemann: „Das Buch wurde in den Tagen begonnen, als die Kommunisten noch nicht lächelten. Sowohl die polnischen als auch die tschechischen Behörden wurden befragt. Aber sie weigerten sich, Interesse an meinem Thema zu nehmen. Es erschien daher wahrscheinlich, daß ein Besuch in Polen und in der Tschechoslowakei sich als völlig unergiebig erweisen würde. Ich besuchte nur Westdeutschland und Berlin.“

Wie ist das seltsam! Miß Wiskemann zieht aus, um ein Plädoyer für die Endgültigkeit der gegenwärtigen Grenzen in Mittel- und Osteuropa zu schreiben und den Anspruch Polens und der Tschechoslowakei auf ihre neuen Gebiets- und Volksgrenzen zu vertreten. Aber die Herren Polens und der Tschechoslowakei weigern sich, sich für das Thema auch nur zu interessieren!

Natürlich kann man nicht über die großen Fragen der Welt schweigen bis man die letzte Quelle ausgeschöpft und das letzte Stück Material in die Hand bekommen hat. Natürlich werden Bücher über die Oder-Neiße-Linie geschrieben und dürfen geschrieben werden, diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges, von jedem gewöhnlichen Publizisten und von jedem Historiker. Aber von Chatham House wird etwas Besonderes, etwas Grundlegendes erwartet. Mit welcher Ehrfurcht habe ich vor diesem Haus gestanden!