Von Uli Faber

Zur Zeit finden in Moskau Verhandlungen zur Unterzeichnung des russisch-japanischen Friedensvertrages statt. Damit holt Sowjetrußland nach, was die übrigen Mächte bereits 1952 in San Franzisko taten. In der letzten Woche sind diese Verhandlungen zwischen den beiden Außenministern Shigemitsu und Schepilow festgelaufen. Shigemitsu, der zur Suezkonferenz gefahren ist, hat sich bisher geweigert, den Friedensvertrag bedingungslos zu unterschreiben. Die Sowjets aber haben den Strick in der Hand, mit dem sie den japanischen Brotkorb rauf- und runterlassen können. Fische nämlich sind das Brot der Japaner und die Fischereigründe der Japaner liegen im sowjetischen Hoheitsgebiet bis hinauf zur Bering-Straße. In einem im Juni ausgehandelten Vertrag in Moskau, der geschickt die heutigen Friedensverhandlungen vorbereitete, haben die Sowjets den Japanern für diese Saison die Fischerei großmütig zugestanden mit der Maßgabe, dieses Abkommen könne um zehn Jahre verlängert werden, sofern die Friedensverhandlungen reibungslos verlaufen! Unser Mitarbeiter, der seit einigen Wochen Japan bereist, schildert im folgenden, wie die Sowjets unter Ausnutzung ihrer Position der Stärke von langer Hand das Netz geschickt um Japan knüpften.

Tokio, im August

Der Weg von Moskau nach Paris, hat Lenin gesagt, führt über Peking und Tokio. Diese prophetische Äußerung hat sich bereits in ihrem ersten Teil bewahrheitet: die kommunistische Machtergreifung in China hat, viel mehr noch als die Kriegsbeteiligung der Sowjetunion auf seiten der Sieger, dem Kommunismus jenen Dynamismus und jenes Prestige gegeben, das ihn heute zu einem so gefährlichen Gegner macht. Der Sprung von Moskau nach Tokio wäre selbst im tiefsten Elend der japanischen Nachkriegsjahre als undenkbar erschienen. Von dem Sprungbrett Peking aus erscheint dieser nächste Schritt im kommunistischen Welteroberungsplan schon sehr viel möglicher. In politischen Kreisen Japans wurde die Wiederaufnahme der Friedensgespräche mit der Sowjetunion in Moskau mit unverhohlener Nervosität betrachtet. Es ist die Nervosität der Feldmaus, welche von der Schlange zu Besuch geladen wird, um Frieden zu schließen. Sie weiß ganz genau, wie man sich diesen Frieden auf der anderen Seite vorstellt: nämlich als friedliche Verdauung.

Nachdem durch die unvorstellbare Kurzsichtigkeit des Präsidenten Roosevelt in Yalta der völlig überflüssige Kriegseintritt der Sowjetunion auf Seiten der Alliierten gegen Japan – mit dem sie einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte! – vereinbart und damit Moskau die Mandschurei und damit auf längere Sicht ganz China auf dem Präsentierteller zum Opfer gebracht worden war, haben die Russen die Japaner mit jener fast verächtlichen Brutalität behandelt, welche man nicht ernst zu nehmenden Schwächlingen entgegenbringt. Sie besetzten nicht bloß den alten territorialen Zankapfel Sachalin, sondern mit den Südkurilen auch Inseln, deren Zugehörigkeit zu Japan völkerrechtlich außer Frage steht. Sie machten alle Anstrengungen, den Kaiser Hirohito als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen und, wenn möglich, zu hängen; ein solches Ereignis wäre für Japan gleichbedeutend gewesen mit einem seelischen Weltuntergang. Jahrelang waren Hunderttausende von Kriegsgefangenen, welche die Rote Armee auf ihrem dolchstoßartigen Überfall auf die Kwantungarmee erbeutete, in Sibirien verschollen, und selbst als man sich schließlich zur Rückgabe bequemte, blieb die Zahl der Heimkehrer weit hinter den Erwartungen zurück. Das russische Veto hat bis auf den heutigen Tag den Eintritt Japans in die Vereinten Nationen verhindert.

Als im vergangenen Frühjahr die Friedensgespräche in London abgebrochen wurden, weil man sich über die territorialen Streitpunkte nicht einigen konnte, zwang die Sowjetunion durch einen genialen Schachzug das schwache Japan wieder an den Konferenztisch zurück: indem sie der japanischen Fischerflotte, welche in den Gewässern zwischen Hokkaido und Sibirien ihre reichsten Fänge zu tun pflegte, aus diesen zu verbannen drohte. Das geschah, kurz bevor die Schiffe zu ihrem alljährlichen Fang auszufahren pflegen. Fische sind, viel mehr als Fleisch, tägliche Nahrung der Japaner. Also am Brotkorb gepackt, blieb den Japanern nichts anderes übrig, als ihren Landwirtschaftsminister Kono nach Moskau zu entsenden und demütig zu allem nicken zu lassen, was die Russen diktierten. Es ging diesen dabei vor allem um ein Ziel: Seitdem die Sowjetunion dem Friedensvertrag von San Franzisko ferngeblieben war, hatte die russische Mission in Tokio, die sich unter der Besetzung hier etabliert, ihre Daseinsberechtigung verloren. Die Russen verließen aber ihr Botschaftsgebäude nicht, sondern verbarrikadierten sich finster hinter geschlossenen Gittern, und die Japaner, auch wenn sie sie nicht anerkannten, taten nichts, sie aus ihrer Mitte zu entfernen. Die Fischereifrage nun gab den Russen eine wunderbare Gelegenheit, diese diplomatische Frage aufzurollen. Wenn eure Fischer sowjetrussische Lizenzen haben wollen, hieß es, so müssen sie sie eben auf unserer Botschaft in Tokio holen, mit anderen Worten: Ihr müßt den diplomatischen Status unserer Vertretung anerkennen! Einseitig, ohne entsprechende japanische Vertretung in Moskau! Die japanische Regierung bequemte sich, den russischen Missionschef als „Fischereibevollmächtigten anzuerkennen. Aber nun begann der Mann plötzlich eine Unmenge Helfer zu importieren, um die Fischereilizenzen auszustellen, und schon zeichnete sich in Tokio jene diplomatische Inflation der russischen Botschaft ab, welche auch in Bonn so unbehagliches Befremden auslöst.

Aber all das war gar nichts, verglichen mit der Person des neuen Fischereibevollmächtigten Tischwinsky, der nun auf einmal seinen alten Kollegen ablöste. Kaum war dieser glattgesichtige Diplomat in die Botschaftsfestung eingezogen, so wurde er auch schon in Amerika von dem übergelaufenen ehemaligen russischen Spionagechef in Tokio Yuri Rastworow als einer der raffiniertesten Exponenten des russischen Geheimdienstes und MVD-Oberst identifiziert. Seine Laufbahn ist, wie es mit solchen Gesellen der Fall zu sein pflegt, von Geheimnis umwittert. Aber so wenig über ihn bekannt ist, so leicht läßt sich seine Wichtigkeit aus den Daten seiner Karriere ablesen. In den Jahren von 1940 bis 1950 diente Tischwinsky unter diplomatischer Immunittät als rechte Hand des russischen Botschafters in Peking, der selber als Spionagechef fungierte. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in London tauchte er 1953 erneut in London auf, und sein Name wird von Eingeweihten mit dem Verschwinden der beiden Überläufer Burgess und MacLean in Verbindung gebracht. Seine neue große Aufgabe, erklärte Rastworow, besteht darin, das kommunistische Spionagesystem, das seit dessen Überlauf desorganisiert war – weil alle übrigen russischen Nachrichtenoffiziere darauf eiligst nach Moskau zurückberufen wurden – wieder aufzubauen. Tischwinsky ist dafür der geeignete Mann. Während seiner Tätigkeit in China nämlich war er, zusammen mit Rastworow, damit beschäftigt, den Tausenden von japanischen Kriegsgefangenen die Gehirne zu waschen und die 400 hoffnungsvollsten unter ihnen als Agenten auszubilden. Nicht alle diese Leute wurden nach ihrer Heimkehr unmittelbar eingesetzt. Manche unter ihnen posierten als harmlose Heimkehrer, froh, der kommunistischen Hölle entronnen zu sein, und schlichen sich in wichtige Positionen ein. Mit all diesen Leuten hat nun Tischwinsky den Kontakt wieder aufzunehmen, ein Fischereibevollmächtigter als Menschenfischer.