Das führende Fachorgan der britischen Presse, World’s Press News, veröffentlichte den folgenden Leserbief eines Engländers. Wir drucken ihn hier ab, nicht weil er die einseitige Berichterstattung mancher englischen Zeitungen kritisiert, sondern weil wir ihn als eine besonders erfreuliche Art empfinden, solchen Mißständen aus eigener Initiative zu Leibe zu gehen.

In der kleinen deutschen Stadt Verden wird ein junger englischer Soldat von zwei Deutschen mit Messern angegriffen. Ein paar Tage später stirbt er an den Messerstichen. Einige unserer populären Tageszeitungen begannen die Meldung von dieser bedauerlichen Nachricht mit den Worten: „Im nazistischen Verden ...“

Tatsache ist, daß die beiden Deutschen berüchtigte und bereits vorbestrafte Halunken waren, die, im Suff zu Schlägereien aufgelegt, zufällig in dem jungen Engländer ein unglückliches Opfer gefunden hatten. Es handelte sich also um eine üble Messerstecherei von Betrunkenen, die mit Politik überhaupt nichts zu tun hatte. Und trotzdem müssen unsere Zeitungen schreiben: „Im nazistischen Verden ...“

Als sich vor kurzem das Verhältnis zwischen deutschen Hausbesitzern und englischer Besatzung, die deren Häuser requiriert hatte, kritisch zuspitzte, wurde aus jedem dieser Hauseigentümer in unseren Massenzeitungen ein arroganter Nazi, „der den Engländern die Zunge rausstreckt“. Ist es denn wirklich ein Zeichen von arrogantem Nazismus, wenn jemand elf Jahre nach dem Kriege sein Haus gerne für sich und seine Familie zurück hätte?

Gewiß, viele der beschlagnahmten Häuser gehörten ehemaligen Nazis. Aber ebenso gewiß ist, daß auch Häuser beschlagnahmt wurden, deren Besitzer mit den Nazis nichts zu tun hatten. Ist es denn wirklich so erstaunlich, daß Nazis wie Nicht-Nazis ihre Häuser zurückhaben wollen, nachdem Deutschland schon vor Jahresfrist wieder zum souveränen Staat erklärt worden ist, und daß sie sich gelegentlich auch vor Gewaltmaßnahmen nicht gescheut haben, um diese Rückgabe zu erzwingen?

Die Leute, die für die englische Politik verantwortlich sind, haben beschlossen, Deutschland als unseren Verbündeten zu akzeptieren, ob uns das nun paßt oder nicht. Es ist das Recht jedes Journalisten und jedes Redakteurs, diese Politik abzulehnen und seiner Ablehnung Ausdruck zu geben. Aber ist es wirklich fair, jede Story aus Deutschland als Nazi-Story aufzumachen?

Vor kurzem erzählte mir ein Reporter freimütig, seine Zeitung wolle aus Deutschland nur „Kommißstiefelgeschichten“ (der Kommißstiefel, der „jackboot“, gilt in England als Symbol eines militanten und etwas lächerlichen deutschen Nationalismus – Red.). Wenn er etwas anderes schriebe, bestünde keine Hoffnung, daß es auch gedruckt würde.