Als wir nach dem Kriege keinen eigenen Cent, keinen eigenen Penny besaßen, als wir zugleich mehr als je zuvor auf die Einfuhr angewiesen waren, da war es einleuchtend, daß die Devisen durch Regierung und Notenbank kontingentiert, überwacht, bewirtschaftet werden mußten. Und heute? Zehn Jahre danach? Heute hat die Notenbank für 15 Mrd. Mark Devisen angesammelt; das ist mehr als Banknoten überhaupt im Umlauf sind. Aber die Devisenbewirtschaftung besteht nach wie vor! Sie ist zwar weitgehend gelockert; vieles, sehr vieles ist fortgefallen, was einst die Bewegungen des Außenhandels einengte. Aber immer noch gibt es einige Hunderte „Mitteilungen“ der Bank deutscher Länder, viele „Runderlasse“ des Wirtschaftsministeriums, eine große Anzahl Anweisungen der Landeszentralbanken.

Der Reisende, der heute mühelos seine Devisen bei der Bank in Empfang nehmen kann, ahnt nicht, wie viele Vorschriften diese verhältnismäßig simplen Vorgänge noch zu regeln suchen. Dem Importeur, der ohne weiteres den weitaus größten Teil ausländischer Waren einführen kann, sind dicke Bände von Aufstellungen zugedacht, in denen vorgeschrieben ist, was er darf. Man hält es für wichtiger, die 90 v. H. erlaubten Waren aufzuführen als die 10 v. H. verbotenen. Dem Ausländer, der irgendwelche Verfügungen über sein Konto bei einer deutschen Bank trifft, ist es sicherlich unbekannt, daß jeder einzelne Ausgang wie auch jeder Zugang mit einer Kennziffer versehen werden muß, die der Buchhalter seiner Bank einem umfangreichen Kennziffernverzeichnis zu entnehmen hat; er weiß – hoffentlich – nicht, auf wie vielen Meldungen, Listen und Statistiken die 20 DM erscheinen, die er als Geburtstagsgeschenk an einen Verwandten in Deutschland überweisen ließ. Und ist es dem Durchschnittsdeutschen bekannt, daß es bei unserer doch so festen D-Mark eine ganze Anzahl von Varianten gibt: die „Inlands“-DM, die „Abkommens“- DM, die „beschränkt konvertierbare“ DM, die „frei konvertierbare“ DM und die „liberalisierte Kapitalmark“, die sich alle in ihrem Wert gar nicht oder nur ganz geringfügig unterscheiden?

Nun hat man sich entschlossen, den gesamten noch bestehenden, oft reichlich überholten Wust von Vorschriften in einem neuen Außenwirtschaftsgesetz zusammenzufassen. Endlich werden wir die unexakten Vorschriften der alten Militärgesetze über Bord werfen können und mit ihnen alle komplizierten Erläuterungen, Ergänzungen, Mitteilungen, Runderlasse, allgemeinen und besonderen Genehmigungen. Aber endlich werden wir dann auch Gelegenheit haben, mit deutscher Gründlichkeit alles das in Paragraphen zu fassen, was die Alliierten versäumt oder unklar gelassen hatten. Man sieht schon das neue Gesetz entstehen: mit seinen Abschnitten, Abteilungen, Unterabteilungen, Artikeln und Absätzen; und dann die Anlagen zu dem Gesetz, für jedes Sachgebiet eine besondere; und nachher die Durchführungsverordnungen mit ihren laufenden Zusätzen, Änderungen, Berichtigungen. Wir werden endlich alle Teile der Außenwirtschaft, alle Vorgänge dieser komplizierten Materie in ein einziges „Gesetzeswerk“ systematisch eingeordnet haben. Und wenn heute auch viele Vorgänge nicht mehr verboten sind, so müssen sie doch jedenfalls gesetzlich erfaßt sein –; so daß man jederzeit sagen kann: ab sofort sind Geschäfte gemäß „Artikel V a, Absatz 3, Ziffer 15 a, bb), 4. Satz“ nur noch unter den Voraussetzungen des Artikels XVII, Anmerkung 4 c usw. usw. zulässig – unter gleichzeitiger monatlicher Meldung gemäß...“.

Und dann die Statistik! Je mehr die Außenwirtschaft von ihren Fesseln befreit wurde, um so umfangreicher, eindringlicher und perfektionierter ist die Statistik geworden. Die laufend zur Veröffentlichung gelangenden Statistiken und graphischen Darstellungen sind ein Meisterwerk der Organisation. Aber zuweilen wird man an die eine militärische Einheit erinnert, die nur noch um ihrer selbst willen existierte, aber durch Anfertigung von Meldungen, Aufstellung von Plänen, Durchführung von Kontrollen und Gegenkontrollen ihre Berechtigung zur Existenz nachwies. So gut man auch jetzt Bescheid weiß über das, was geschehen ist: ist man mit den Statistiken der Erkenntnis dessen, was geschehen wird, wirklich näher gekommen? Haben irgendwelche Statistiken zum Beispiel das ständige gewaltige Anwachsen unserer Devisenbestände vorausgesagt? Ist nicht vielmehr seit Jahren errechnet worden, daß jede Lockerung der Devisenbewirtschaftung zu einer Verminderung der Bestände führen müsse, statt zu einer Vermehrung? Die Fülle der Zahlen und Kurven ist für den Nicht-Spezialisten ohnehin schon nicht mehr übersehbar, ja sie verdunkelt den Blick für das Wesentliche.

Es müßte doch jemand sagen können, wieviel Devisen wir etwa haben müssen, damit die Devisenbewirtschaftung und die statistische Meldepflicht aufhört. Sollen es weitere 15 Mrd. sein? Oder sollten wir schon zuviel haben, so daß sich die Bewirtschaftungsbehörden nicht mehr mit dem Festhalten der Devisen, sondern mit ihrem Ausgeben befassen müssen? Offensichtlich ist es bereits soweit; denn überall sind schon Schranken gegen die Einnahme – statt die Ausgabe – von Devisen errichtet. Wir dürfen Ausländern für ihre Guthaben keine Zinsen zahlen. Es ist uns verboten, Devisen für Investitionen anzunehmen. Wenn wir das vor fünf Jahren gewußt hätten! Und wenn dann jemand gesagt hätte, daß wir heute noch eine Devisenbewirtschaftung haben, ja daß wir daran gehen, sie neu und ausführlich „aufzuziehen“: wer hätte das geglaubt?

Letzten Endes kommt wohl alles darauf hinaus: Ob zu wenig Devisen oder zu viel Devisen – tut nichts, bewirtschaftet wird! J, W.