Paris, im August

Es sind etwa zwei Jahre vergangen, seit ich in der Pariser Salle Wagram, der Stätte so vieler Saalschlachten, die Gründungsversammlung eines Rassemblement National besuchte, in dem manche die Keimzelle eines französischen Nationalsozialismus sehen wollten. Ich fragte ein Mitglied des Saalschutzes: „Gehören Ihrer Bewegung auch Abgeordnete an?“ Das war offenbar ein Fauxpas – barsch kam die Antwort zurück: „Bei uns gibt es nur Militants (Kämpfer)!“ Im Verlauf der Versammlung, die hauptsächlich von verarmtem Mittelstand, Jugendlichen und Veteranen aus Indochina und den beiden Weltkriegen besucht war, stellte sich aber dann als führender Kopf dieser rechtsextremistischen Bewegung Rechtsanwalt Jean-Louis Tixier-Vignancour vor, der bis zum Zusammenbruch von 1940 Abgeordneter gewesen war. Rechtsanwalt und Deputierter – mit dieser Personalunion des avocat-député verkörpert der heute 48jährige genau den Politikertyp, der einst das „radikale Frankreich“ und damit das „System“ geschaffen hat. Und an der Spitze des Angriffskeiles gegen dieses „System“ steht heute, mehr als Poujade und mehr als jeder andere, eben derselbe Tixier-Vignancour, der nach den Wahlen vom 2. Januar 1956 auch wieder in die Kammer einzog...

Allerdings: Diesmal nach anderthalb Jahrzehnten Pause, kam er als Einzelgänger ins Parlament. Er hatte in einem stark rechtsgerichteten Pyrenäen-Departement von früher her seine persönliche Stellung halten können. Sein Rassemblement National aber ist keineswegs zu der Volksbewegung geworden, von der er träumte, sondern eine rechtsextremistische Sekte unter anderen geblieben. Doch Tixier-Vignancour hat seine individuelle Chance genützt. Die chaotische Formlosigkeit des neu aufgestiegenen Rechtsextremismus schrie geradezu nach einer planenden, generalstäblerischen Intelligenz, und da ein Führer fehlt, hat sich Tixier-Vignancour zum „Gehirn“ der auf dem äußersten rechten Flügel sich sammelnden Strömungen von der Art des Poujadismus oder des Frontkämpfernationalismus aufgeschwungen. Jene allerhöchsten Militärs die in diesen Kreisen – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – als Patronatsherren in Anspruch genommen werden, halten sich vorerst weise zurück. Und Poujade hat sich als ein Mann erwiesen, der zwar in Massenversammlungen zündet, in kühleren Regionen der Politik jedoch wie ein aufs Land geworfener Fisch nach Luft jappt. Im Gerichtssaal gar, der Staatsgewalt gegenüber, hat sich der gefürchtete Massenführer Poujade kläglich unsicher gezeigt.

Hier ist der Punkt, wo Tixier-Vignancour einhaken kann. Er kennt nicht die abergläubige Scheu des Français moyen vor dem Staat als einer fernen und finsteren Macht. Als Enkel eines Abgeordneten und Sohn eines einflußreichen Pariser Arztes fühlt sich der lebenslustige Bonvivant, dem heute noch die Exzentrik der Jeunesse dorée anhaftet, jener Notabelnschicht zugehörig, die seit 150 Jahren den Staat als ihren Staat betrachtet. Der geistreiche und gut aussehende Rechtsanwalt hat seine Karriere im Pariser Palais de Justice gemacht. Er kennt daher die Staatsmaschinerie von innen. Als die linkischen Metzger und Bäcker, die als poujadistische Abgeordnete am 2. Januar in die Kammer eingezogen waren, von den Routiniers des parlamentarischen Spiels an der Nase herumgeführt wurden, nahm er sich ihrer als überlegene und bald unentbehrlich werdende Gouvernante an. Er zeigt ihnen, wie man das „System“ mit seinen eigenen Waffen schlagen kann.

Selbst die erbittersten Gegner von Tixier-Vignancour, die Mendèsisten, geben zu, daß er kein Diktatoraspirant ist. Nie trat er als ein revolutionärer Faschist im Stile eines Doriot oder eines Déat hervor. Im Gegenteil: Er hat in den vergangenen Monaten den Rechtsextremismus bei dem durch die anarchischen Züge des Poujadismus beunruhigten rechtsstehenden Teil des Großbürgertums salonfähig gemacht.

Wer Tixier-Vignancour persönlich kennt, weiß, daß er die poujadistische Welle, deren Kleineleutegeruch ihm peinlich ist, nur als Reittier benützt. Sein Kampf gegen das „System“, gegen die „Vierte Republik“, ist durchaus restaurativer Natur. Doch geht es ihm dabei weniger um das „alte Frankreich“ des Ancien Regime, als um jenes etwas jüngere „alte Frankreich“ der orléanistischen Rentenseligkeit und der „erworbenen Positionen“, in dem sich sein Lebensstil allein entfalten kann. Der böse Feind ist darum für ihn weniger Thorez als Mendès-France, der die reformwillige Fraktion des Großbürgertums verkörpert.

Um seiner Welt das „verlorene gute Gewissen“ wieder zu verschaffen, hat Tixier-Vignancour die Affaire des Fuites zum Aufbau jener Dolchstoßlegende benützt, von der wir in der ZEIT bereits ausführlich gesprochen haben: Wo etwas schief geht, ist – wie Tixier-Vignancour behauptet – eine „kleine Clique um den Juden Mendès-France“ schuld. Ob der intelligente und durch einen sarkastischen Zynismus sich auszeichnende Mann wirklich daran glaubt, man könne seinem Land alle Sorgen vom Hals schaffen, indem man diese „kleine Verräterclique“ an die Wand stellt?

Wie man diese Frage auch beantworten mag – der überlegene Spieler Tixier-Vignancour könnte sich durch das, was er mit diesem Mythos vom Verrat ins Rutschen gebracht hat, eines Tages in die weniger brillante Rolle des Zauberlehrlings gedrängt sehen. Armin Mohler