Auch Jugoslawien hat, wie alle kommunistischen Länder, durch die einseitige Förderung der Schwerindustrie schwer zu leiden, und deshalb haben sich die Führungskreise des Landes im Herbst 1955 entschlossen, wieder einmal neue wirtschaftspolitische Grundsätze aufzustellen. Es scheint, daß man mit dieser radikalen Kursänderung der Wirtschaftspolitik ernsthaft versuchen will, die Wirtschaft des Landes zu sanieren und der schweren wirtschaftlichen und sozialen Probleme Herr zu werden. Aber man unterstreicht, daß die alten und neuen Grundsätze auf das gleiche Ziel gerichtet sind; den Sozialismus weiter auszubauen und in Gesellschaft und Wirtschaft sozialistische Verhältnisse zu schaffen. Die heutigen Machthaber wollen damit zeigen, daß der Sozialismus die Marktwirtschaft schlagen kann.

Das Fehlen eines konstruktiven und durchgreifenden Plans zur Stabilisierung der Wirtschaft war bezeichnend für die Wirtschaftslage. Deshalb hat sich der neue Wirtschafts- und Gesellschaftsplan für 1956 zunächst einmal das Ziel gesteckt, das jugoslawische Marktgefüge, das durch die starke inflationsfördernde Investitionstätigkeit völlig zerstört worden ist, in Ordnung zu bringen. Der Industrie- und Kreditpolitik wird daher die Aufgabe gestellt, die Investitionen in der Schwerindustrie radikal einschränken. Die Investitionen sollen von jetzt an vorwiegend in die Verbrauchsgüterindustrie und in die Landwirtschaft gehen, sie sind vorerst dort vorzunehmen, wo baldmöglichst eine Wirkung in Form einer dauernden Hebung des Volkseinkommens sichtbar wird. Es wurde beschlossen, den Umfang von Investitionen in der Schwerindustrie um 17 v. H. zu verringern und die Investitionen in der Landwirtschaft um 19 v.H. zu erhöhen. Damit wurde auch zugegeben, daß die Landwirtschaftskrise sehr akut ist. Die Rohstoffausfuhren sollen zu Gunsten des Exports von Fertig- und Halbfertigwaren verringert werden. Zwar ist dadurch ein noch größeres Defizit in der ständig passiven Außenhandelsbilanz zu erwarten, aber die ausländischen Kredite haben für einen Ausgleich der Zahlungsbilanz gesorgt und der Wirtschaft eine Atempause ermöglicht.

Das Land ist dem Ausland gegenüber stark verschuldet und auch weiter zwingend auf die ausändischen Hilfs- und Kreditlieferungen angewiesen. Um die Devisenbilanz so weit wie möglich im Gleichgewicht zu halten und die wichtigsten Einfuhren zu sichern, wurde die völlige Devisenbewirtschaftung eingeführt. Aber auch dadurch konnte der fiktive Dinarkurs nicht stabilisiert werden. Außerdem ist man bestrebt, die Wirtschaft viel stärker mit der Weltwirtschaft durch einen intensiven Güteraustausch zu verflechten. Für Jugoslawien aber waren bisher Autarkie-Tendenzen bezeichnend.

Die elastische Kreditpolitik ist ein Hauptinstrument der neuen Wirtschaftspolitik geworden. Besonderer Wert wird auf einen schnelleren Umlauf des Kapitals gelegt. Dieser Grundsatz führt zu der Forderung nach einer beschleunigten Zurückzahlung der Kredite. Die erheblichen Investitionen haben in zehn Jahren zu große Anforderungen an die Sparkraft gestellt; jetzt sind die Kreditquellen erschöpft. Es geht nicht zuletzt auf diese Investitionspolitik zurück, daß der Zahlungsmittelumlauf auf das Zwanzigfache gestiegen ist; so war naturgemäß keine Stabilisierung der Marktverhältnisse möglich, denn weder Preise noch Reallöhne konnten gehalten werden. Die äußerst mangelhafte Versorgung der Bevölkerung, nachhinkende Löhne und steigende Lebenshaltungskosten kennzeichnen die wirtschaftliche Entwicklung. Ein großer Teil der für die Investitionen notwendigen Mittel wurde aus dem vergrößerten Geldumlauf geschöpft. Mit dieser Finanzierung über die Notenpresse will man jetzt aufhören, die Ausdehnung des Geldumlaufs soll gebremst werden.

Die Verlagerung der Investitionstätigkeit auf die Verbrauchsgüterindustrie soll das Angebot von Fertigwaren vergrößern und zur Stabilität der Preise beitragen. Dank der kreditpolitischen Bevorzugung der Konsumgüterindustrie will man den Lebensstandard der Bevölkerung anheben. Um die Versorgung zu verbessern und auch einen Druck auf die Preise auszuüben, wurden erstmalig große Einfuhren von verschiedenen Massenkonsumgütern eingeplant.

Auch der Grundsatz, die Arbeitsproduktivität zu steigern, taucht wieder auf. Die Erfahrung hat gelehrt, daß in zahlreichen Arbeitsprozessen viel mehr Arbeitskräfte eingesetzt worden sind, als für die betreffende Produktion normalerweise erforderlich gewesen wären. Man vertritt die Auffassung, daß die Festigung und das stufenweise Anwachsen des Lebensstandards mit dem allgemeinen Wachsen der Produktivkräfte und entsprechender Arbeitsproduktivität der einzelnen Produzenten zu sichern ist.

Eine Verbeugung macht die neue Politik vor der Landwirtschaft, die lange Zeit vernachlässigt wurde. Dadurch war zwangsläufig die Aufwärtsentwicklung des Lebensstandards und des Volkseinkommens lahmgelegt. Die Produktionsaufgabe der landwirtschaftlichen Betriebe wird grundsätzlich bejaht, und zwar auch – sicher nur vorübergehend – gegenüber der nicht im Kollektiv betriebenen Landwirtschaft. Die augenblickliche positive Einstellung gegenüber der großen Zahl von privater. Landwirtschaftsbetrieben wird durch die Zusicherung von Umlaufkrediten konkretisiert. Neuerdings macht man große Anstrengungen, die Landwirtschaft grundlegend zu sanieren, weiter auszubauen und zu modernisieren. Jugoslawien war früher ein Land umfangreicher Agrarexporte. In den verflossenen Jahren sind dagegen die Einfuhren an Getreide, Fett und Zucker immer mehr angewachsen. Das führte naturgemäß zu einer Anspannung der Devisenbilanz. Die Rohstoffversorgung der Industrie, die im wesentlichen nur durch die Einfuhren erfolgen kann, wurde dadurch erschwert. Aber wenn die angestrebte Erhöhung der Landwirtschaftsproduktion auch gelingen sollte, wird dafür doch noch eine längere Zeit erforderlich sein.

Es sind nun bereits sieben Monate vergangen, seitdem man danach strebt, mit einer neuen Wirtschaftspolitik der Probleme Herr zu werden. Doch mußte selbst der Wirtschaftsminister Vukmanovic neulich zugeben, daß die Industrie die gestellten Produktionsziele nicht erreichen konnte und die Preise für eine Anzahl von Artikeln weiter gestiegen sind. Allerdings machen sich doch gewisse Elemente der Marktstabilisierung bemerkbar. Trotzdem aber ist das Land noch weit entfernt, die durch die neuen wirtschaftspolitischen Grundsätze gesteckten Ziele zu erreichen. D. Matkovic