Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Heinrich Gutermuth, ist in Sachen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich guten Mutes. Er glaubt, daß die bevorstehenden Verhandlungen mit dem Unternehmensverband Ruhrbergbau, also mit der Arbeitgeberorganisation, erfolgreich verlaufen. Er nannte auf einer Pressekonferenz das langfristige Dreistufenprogramm zur Erreichung einer Fünftagewoche und siebenstündiger Arbeitszeit maßvoll und teilte mit, daß Bundeswirtschaftsminister Erhard seine volle Unterstützung zur Verwirklichung der ersten Stufe dieses Planes, nämlich der Einschaltung von zwei zusätzlichen vollen Ruhetagen im Monat, gegeben hätte. Nur über den Termin wäre man sich noch nicht einig. Die IG Bergbau wünscht den 1. Oktober 1956, Bonn den 1. April 1957, also erst den Beginn des neuen Kohlewirtschaftsjahres.

Das ist zwar erfreulich. Aber der Bundeswirtschaftsminister ist nicht Kontrahent und Tarifpartner. Dies sind die Arbeitgeber, die die Zeche bezahlen. Da aber auch hier im Unternehmensverband eindeutig der Wille besteht, den Bergmann seine Vorzugsstellung in Lohn und Arbeitszeit zu erhalten und zu festigen, außerdem die Interessen in dieser Frage bei Gewerkschaft und Arbeitgebern ziemlich gleich gelagert sind, dürfte in der Tat eine Regelung erfolgen.

Die politisch und psychologisch glückliche Art, mit der der Vorstand der IG Bergbau diese Dinge anfaßt, steht in einem sympathischen Gegensatz zu der Maßlosigkeit, mit der die IG Metall unter Otto Brenner und die keine gesamtwirtschaftliche Verantwortung atmende Nachgiebigkeit der Arbeitgeberorganisation der Metallindustriellen in den vergangenen Monaten vorgeprellt sind. Jetzt hat Otto Brenner neue Forderungen gestellt und verlangt in kürzester Frist die Streichung von mehr als 11 Arbeitsstunden in der Woche.

Demgegenüber ist das Programm der IG Bergbau maßvoll. Gutermuth erklärte: „Wir bleiben bei unserem Plan, lassen uns nicht durch andere Gewerkschaften beeinflussen und nicht drängen. Die Gefahren, die mit einer Arbeitszeitverkürzung in der Kohle verbunden sind, sehen wir klar. Wir werden keine Wirtschaftskrisen in Bewegung bringen. Aber es hat auch keinen Zweck, den Förderausfall zu leugnen. Dieser wird, auch wenn man Fortschritte durch Mechanisierung und Erfolge durch Neueinstellungen erreicht, enorm sein. Wir müssen also die Kohlenimporte steigern; bei der ersten Stufe um etwa 13 Mill. Tonnen im Jahr, also statt 17 Mill. gegenwärtig auf 30 Mill. Tonnen künftig.“ Die IG Bergbau sieht die Lage ungeschminkt. Ihr Programm wünscht in der zweiten Stufe, für die es noch keinen Termin gibt („aber bestimmt nicht später als zehn Jahre“), den Ausfall von weiteren 26 Tagen durch Einführung der Fünftagewoche, also des vollen zweitägigen Wochenendes, mithin – einschließlich der Ausfälle der ersten Stufe – rund 41 Schichten. Das macht bei der heutigen Förderung von täglich 430 000 t rund 17,6 Mill. t im Jahr aus, um die das Angebot an billiger deutscher Kohle gekürzt werden kann.

Daß diese Entwicklung nicht an den Preisen vorübergehen wird, zumal voller Lohnausgleich die stillschweigende Voraussetzung ist, ist wohl selbstverständlich. Heinrich Gutermuth, meinte dazu kommentierend: Eine Erhöhung der niedrigen deutschen Kohlenpreise werde in der Öffentlichkeit immer dramatisiert. Um wieviel die Kohle bei Realisierung des Gewerkschaftsprogrammes verteuert werden müßte, wäre noch zu erörtern. Die Meinungen schwankten zwischen 2,40 DM je Tonne auf der Gewerkschaftsseite, bis zu 5 DM die Tonne auf der Unternehmerseite, wobei Gutermuth eine entsprechende Äußerung des GBAG-Vorstandes auf der letzten HV zitierte.

Innerhalb des deutschen Steinkohlenbergbaus liegen zur Zeit nur noch rund 35 v. H. der Zechen unterhalb der Plus-Minus-Grenze. Man käme jedoch bei der Preisdiskussion nicht „aus der Verkrampfung des Ruhr-Durchschnitts heraus“ und müsse die Preise für alle Zechen gleichmäßig erhöhen. In welchem Umfang die deutsche Kohle nach wie vor einen politischen (und daher einen relativ zu niedrigen) Preis hat, geht aus einer vergleichenden Preisstatistik vom 1. August 1956 hervor. Hierzu einige Beispiele, wobei die nicht genannten Sorten eine ähnliche Relation zeigen:

Gas- und Gasflammkohle bringt an der Ruhr die Tonne 58,81 DM, im Pas de Calais 89,86 DM, in Lothringen und an der Saar 76 DM; Hochofenkoks II kostet an der Ruhr 69,51 DM, in Frankreich 94,40 DM, an der Saar 96,66 DM, in Belgien 105,84 ab Zeche; für Gießereikoks erhält die Ruhr 83,01 DM, Frankreich 110,93 DM und Belgien 123,48 DM.

Das Gespräch in Bochum erweckte den Eindruck, als ob die IG Bergbau in der Preisfrage „bestenfalls schweigen“ werde, auf keinen Fall aber gegen eine Preiserhöhung zu Felde ziehen werde. So macht es die IG Metall bei Preiserhöhungen in ihrer Branche auch. Nur gegenseitig zieht man dann mit seinen Funktionären und Abgeordneten vom Leder. Wenn schon die deutsche Wirtschaft (und das heißt in diesem Falle die Verbraucher-, schaft) die Arbeitszeitprogramme der Gewerkschaften fördert und bereit ist, sie mit höheren Preisen selbst wieder zu bezahlen, dann sollte zumindest bei dieser politischen Aktion eine Koordinierung der Interessen und eine Entgiftung der Diskussion von falschen Vorwürfen angestrebt werden. Die IG Bergbau hat jedenfalls ehrlich zugegeben: „Unser Arbeitszeitprogramm ist mit einer Kohlenpreiserhöhung verbunden.“ Rlt.