London, im August

Es ist nicht leicht, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wann je zuvor so viele Größen und Talente der internationalen Diplomatie in London versammelt waren. Italien ällein hatte sieben Vertreter im Botschafterrang in Marsch gesetzt. Und jeder Teilnehmer an der Suezkanal-Konferenz hat natürlich seine eigene, höchst persönliche Lösung der Krise vorzutragen. Das führt nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu Verwirrungen.

Manche Delegationen haben offensichtlich Schwierigkeiten, beim Thema zu bleiben. Den Spaniern zum Beispiel schien es vor allem darauf anzukommen, die französischen

Positionen in Nordafrika zu unterminieren.

Die größte Attraktion unter all den Koriphäen übt Sowjetaußenminister Schepilow aus. Beim Eintreffen auf dem Londoner Flugplatz wünschte er den Engländern viel Glück; seitdem hat er es verstanden, auch weiterhin sich seinen Ruf als „ein großer Fortschritt gegenüber Molotow“ zu erhalten – ob er nun im Piccadilly einkaufen geht oder den Neugierigen, die sich vor Lancaster House versammeln, freundlich zulächelt.

Ein russischer Vertreter hatte seinen Standpunkt noch gar nicht formuliert, seine Rede noch gar nicht gehalten – und schon war der Text in den Händen der wartenden Journalisten. Durch solch vorbildliches Tempo wurde das Foreign Office gezwungen, seine gemächlich arbeitende Presseabteilung ein bißchen in Schwung zu bringen, um gegen die Russen nicht gar zu sehr abzufallen.

An der Nachhaltigkeit des Eindrucks auf Zuschauer, Zuhörer, Berichterstatter, Korrespondenten gemessen, gebührt der zweite Platz, hinter Schepilow, dem bekannten ägyptischen Journalisten Major Salah Salem. Für die Engländer ist er seit dem Tanz in Unterhosen, den er einst bei sudanesischen Stämmen aufführte, „der tanzende Major“. Seine ersten beiden Abende in London verbrachte er in Nachtklubs, dort erzählte er fröhlich jedem, der es hören wollte, daß beim ersten Schritt eines englischen Soldaten auf ägyptischen Boden der Suezkanal sofort in die Luft gesprengt werde; das Dynamit liege schon bereit.