Wie Europa wirksam verteidigt werden kann

Von F. O. Miksche

In der vorigen Ausgabe der ZEIT hat Oberstleutnant F. O. Miksche dargelegt, daß Europa im Falle eines Krieges allein mit Atomwaffen nicht verteidigt werden könne. Aber wie sonst kann Europa verteidigt werden? Diese Frage beantwortet der international bekannte Militärexperte, der als Offizier der französischen Armee in der militärischen Forschung tätig ist, in dem folgenden Beitrag.

Die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten von keinem Angriff feindlicher Landstreitkräfte bedroht sind, hat einen nicht unbedeutenden Einfluß auf das militärische Denken der Amerikaner gehabt. Daraus folgt, daß, was für sie gut ist, für uns Europäer nicht ebenfalls gut sein muß. Bei uns ist es eine Frage von Sein oder Nichtsein, eine Verteidigung zu schaffen, die verläßlich gegen alle Arten von Invasionen schützt. Wie dieses Problem gelöst werden könnte, das läßt sich ohne einige grundlegende Gedanken kaum beantworten.

Kampf besteht aus zwei Grundelementen: Feuer und Bewegung. Die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Elementen der Schlacht wird durch die technische Entwicklung entscheidend beeinflußt. Da der im offenen Gelände operierende Angreifer unvergleichlich mehr verwundbar ist als der eher geschützte Verteidiger, erntete dieser seit je die Vorteile erhöhter Feuerkraft. Aber die Erfindung neuer Bewegungsmittel hat dann die Erfolgsaussichten der Offensive gefördert. Nach allen Erfahrungen der Kriegsgeschichte erstarrt ein Angriff, wenn die Verteidigungsmittel die Bewegungsmittel überflügeln. Daraus folgt, daß technischer Fortschritt die jeweiligen Beziehungen zwischen Angriff und Verteidigung wesentlich beeinflußt.

Es war die Überlegenheit der Feuerkraft über die Bewegungsmittel, wodurch 1914/18 die kämpfenden Heere zum Grabenkrieg gezwungen wurden; im letzten Kriege jedoch konnten schnelle Panzerdivisionen die Verteidigungsfronten durchstoßen. Bis schließlich während der Schlachten in derNormandie 1944 allein das Übergewicht von fast 10 000 Flugzeugen den alliierten Waffen den Sieg brachte.

Was wäre aber geschehen, wenn das Verhältnis der beiden Luftstreitkräfte 5 : 3 gewesen wäre? Diese Frage ist nicht unwichtig. Keine Kampfart ist so sehr auf einen reibungslosen Nachschub angewiesen wie die mechanisierte Kriegführung. Ihr Erfolg ist davon abhängig, daß das gesamte Transportwesen intakt bleibt; dies aber setzt eine nahezu absolute Luftüberlegenheit voraus; doch diese Voraussetzung wird es in Zukunft kaum geben. Hinzu kommt, daß auch die geradezu phantastische Entwicklung von billigen und leichten panzerbrechenden Waffen (mit denen heute selbst die kleinsten Einheiten ausgerüstet werden können) die Möglichkeiten mechanisierter Kriegführung einschränken. Bei alledem muß eine mit panzerbrechenden Waffen reichlich ausgestattete Abwehrfront, die dazu noch mit der Unterstützung einer starken taktischen Luftwaffe rechnen kann, nicht unbedingt zu Atombomben greifen, wenn sie einen Panzerstoß abfangen will, käme dieser selbst von einem mehrfach überlegenen Gegner. Nun kommen neuerdings noch artilleristische Atomwaffen hinzu, welche die Feuerkraft verstärken und ihr ein Übergewicht über das Element der Bewegung geben: ein hundertfaches Übergewicht.