New York, im August

Schon als Junge habe er sich immer gewünscht, einmal einen ganzen Tag allein im Haus Abraham Lincolns in Springfield, Illinois, zu verbringen, erzählte Adlai Stevenson. Schließlich, als Gouverneur von Illinois, habe er diesen Plan verwirklicht. Wochenlang hatte er sich darauf gefreut und heimlich fuhr er eines Morgens früh in seinem Auto davon. Aber irgend jemand hatte die Presse verständigt und als er ankam, waren sie bereits da: die Gestalten mit den Notizblocks und den vielen Fragen, den Kameras und Lampen. In der Atmosphäre des Mannes, den er unter den Großen Amerikas vielleicht am meisten verehrt, hatte Stevenson einen Tag verbringen wollen – lesen, arbeiten, vielleicht nur dort herumsitzen und nachdenken wollen. Aber es wurde eine Veranstaltung daraus. Bei einem Präsidentschaftkandidaten gibt es eben keinen Raum mehr für private Wünsche. Das ist schmerzlich für einen Mann wie Stevenson.

Er, den Amerika unter die egg-heads – die hochstirnigen Intellektuellen – zählt, hat ein Herz, das sich mit seinem Verstände messen kann. Ihm fehlt die joviale, extrovertierte Art eines Franklin Roosevelt, Harry Truman oder Dwight Eisenhower, die einem das Gefühl gibt, daß alles auf der Welt in bester Ordnung sei. Er ist nicht der Typ, der anderen auf die Schulter klopft.

Adlai Stevenson ist ein sensibler, nachdenklicher, hochkultivierter Mensch. Er liebt es, seine Reden mit Zitaten und subtilen Bonmots zu schmücken, was seine Popularität, die er – man muß fast sagen: dennoch in allen Schichten des Volkes genießt, gewiß nicht erhöht. Seine Ratgeber zittern, seine Gegner hoffen, er könne ein geistiges Leben der Präsidentschaft vorziehen.

Er fällt nicht auf, wenn er ein Zimmer betritt. Seine mittelgroße Gestalt, das Gesicht, immer so, als käme er gerade von einer Höhensonnenbestrahlung, die Nase,’ durch drei Brüche nicht gerade zum Vorteil deformiert, ein stark nach rückwärts tendierender Haaransatz, oder genauer gesagt: wenig Haar – auch seine glühendsten Verehrer geben zu, daß er kein Adonis ist. Das Faszinierende seiner Persönlichkeit kommt in seiner spontanen lebendigen Art zum Ausdruck, dem ständig regen, interessierten Ausdruck seiner Augen, seiner strahlenden Heiterkeit. Wie Abraham Lincoln, der das Lachen ein Ventil nannte, „ohne das er sterben müßte“, lacht Adlai Stevenson viel und gern, am liebsten über sich selbst. Und wie bei Lincoln liegt in seinen Augen oft etwas von der Traurigkeit eines Menschen, der um die Torheit des Herzens und um die Grenzen menschlichen Tuns weiß.

Bekannt als brillanter Sprecher, ist Adlai Stevenson ein ebenso brillanter Zuhörer. Er ist an Menschen interessiert und nimmt sie ernst. „Laßt uns mit dem amerikanischen Volk vernünftig reden“, sagte er 1952, als er zum erstenmal Kandidat für die Präsidentschaft wurde. „Vernünftig“, das hieß „nicht von oben herunter.“ Überzeugt davon, daß das Niveau des Durchschnittsmenschen weit über dem Durchschnitt liegt, fuhr er ruhig fort, in seiner normalen Sprache weiterzusprechen. Kritik seiner Ratgeber, Hohn seiner Gegner, Verlust an Stimmen konnten ihn nicht beirren. Er ist ein Meister der Sprache und ein gourmet des Wortes. Viele Stunden poliert er an seinen Vorträgen und Reden herum – „wie ein gequälter Dichter“, sagen seine Getreuen und wünschen heimlich, er würde lieber die Zeit darauf verwenden, sich bei den Vertretern der örtlichen Parteikomitees beliebt zu machen.

Adlai E. Stevenson wurde am 5. Februar 1900 in Los Angeles geboren. Er gehört einer Patrizierfamilie an, die jetzt in der fünften Generation im Staate Illinois lebt. Sein Großvater, der erste Adlai Ewing Stevenson, war Vizepräsident unter Grover Cleveland, und kandidierte im Jahre 1908 – allerdings vergeblich – für den Posten des Gouverneurs von Illinois. Sein Vater Lewis Green Stevenson arbeitete lange Jahre an einer Zeitung und war ein begabter, glänzender Erzähler. Sein Großvater mütterlicherseits, der Quäker William O. Davis, Herausgeber der republikanischen Zeitung Pantagraph, verbrachte die Abende damit, Adlai und seinen Geschwistern Gedichte – vorzugsweise Robert Burns – vorzulesen und hielt die Kinder stets dazu an, sich präzis auszudrücken.