Über Konjunktur zu sprechen, ist Mode geworden. Und wie immer kommen sich diejenigen am gescheitesten vor, die uns möglichst trübe Zukunftsaussichten eröffnen. Parteipolitische Spekulationen mögen ein übriges tun, dem deutschen Volke die ruhige Gewißheit wirtschaftlich und sozial glücklicher Fortentwicklung rauben zu wollen. Man muß aber nicht an Wunder glauben – am allerwenigsten an das dumme Gerede vom „deutschen Wirtschaftswunder“ – um gewiß zu sein, daß wir im Guten und im Bösen unser Schicksal selbst in der Hand haben und daß es nur an unserer Einsicht und unserem Verantwortungsbewußtsein liegt, es gnädig zu gestalten.

Wir haben uns in 8 Jahren aus Schutt und Trümmern eine neue Welt aufgebaut, der gewiß noch viel zur Vollkommenheit fehlt. Immerhin aber haben wir Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen; wir haben unsere gewerbliche Produktion gegenüber der letzten Vorkriegszeit mehr als verdoppelt, wir verfügen wieder über eine leistungskräftige Wirtschaft, die auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig ist, und wir dürfen uns des Segens einer absolut gesunden und stabilen Währung erfreuen. Dennoch sind wir nicht zufrieden! Ja, es droht sich ein Gefühl des Mißvergnügens breit zu machen, das sich – wenn es unser Handeln bestimmt – verhängnisvoll auswirken müßte, finden wir nicht wieder zu innerlich gefestigter, geistiger und sittlicher Haltung zurück.

Kann dieses deutsche Volk, das in der Not so bewundernswerte Tugenden entfaltet, Stunden des Glücks wirklich nicht ertragen? – Muß es deutsche geschichtliche Tragik bleiben, daß unsere Maßlosigkeit die Früchte ehrlicher Arbeit nicht heranreifen läßt, daß wir immer schon heute gewaltsam besitzen wollen, was uns die Gunst erst morgen? darbietet?

Ich weiß, wo so viele noch der Schuh drückt. Aber haben wir deswegen Grund zur Kleingläubigkeit? Dürfen wir nach 8 Jahren stetigen Wiederaufbaus nicht vielmehr darauf vertrauen, daß wir auch noch der fortbestehenden Note Herr werden? – Ich-meine, das stünde uns besser an und verhieße größeren Erfolg als ein feindliches Ringen aller gegen alle um einen höheren Anteil an dem „Sozialprodukt“ genannten wirtschaftlichen Kuchen, den wir zu verteilen haben. Jener sinnlose Versuch des sich allgemein Bereichernwollens kann nur in allgemeinem Katzenjammer enden. Laßt uns vielmehr, wie bisher, von Jahr zu Jahr größere Kuchen backen, das heißt, laßt uns die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit verbessern, die Produktivität der Volkswirtschaft steigern – und wir werden alle gewinnen! In einem solchen Prozeß reift auch die Möglichkeit einer kürzeren Arbeitszeit organisch heran ohne ein Absinken des Lebensstandards beziehungsweise ohne Preissteigerung, während jede gewaltsame Übersteigerung egoistischer Wünsche oder machtpolitischer Forderungen das bisher Erreichte nicht nur gefährdet, sondern den Keim der Zerstörung jeder gesunden Ordnung in sich trägt. Der Segen der Vollbeschäftigung soll unserem deutschen Volke nicht wie so manchem anderen Land zum Fluche werden!

Ich verstehe unter Besinnung und Redlichkeit, daß sich jeder einzelne gegen jene so gleißnerische Verlockung höheren Lohnes oder leichteren Gewinnes wappnen möge, wenn bessere Einsicht ihm sagt, daß solch eigensüchtiges Streben die Stabilität der Preise und der Wirtschaft zu gefährden geeignet ist.

Hier ist das menschliche Gewissen angesprochen, das sich auch nicht durch die straffste Verbandsdisziplin kollektivieren läßt, sondern immer nur in der eigenen Brust lebendig sein kann.

Wehret – so möchte ich dem deutschen Volke zurufen – den Anfängen einer gefährlichen Entwicklung, die allzu leicht in einen verderblichen Gruppenegoismus-ausarten könnte!

LUDWIG ERHARD BUNDESMINISTER FÜR WIRTSCHAFT