Zum Tode des Dichters in Ostberlin

Von Herbert Lüthy

Herbert Lüthy, der in Paris lebende Autor dieses Essays, hat sich vor allem durch sein Buch „Frankreichs Uhren gehen anders“ und viele Aufsätze über die politischen Verhältnisse in Frankreich einen Namen gemacht. Nicht weniger bedeutend ist er als Literarkritiker. Mit den Werken Bert Brechts hat er sich eingehend auseinandergesetzt – berühmt wurde seine Arbeit im „Monat“ ‚Vom armen Bert Brecht‘ im Mai 1952. So gehört er zu den wenigen, die anläßlich des Todes von Bert Brecht über diesen zwielichtigen Autor etwas Wesentliches zu sagen haben.

In der weiten Welt haben seit Jahren vor allem zwei Namen die deutsche Literatur – den Roman der eine, die Dramatik der andere – repräsentiert: Thomas Mann und Bertolt Brecht. Ein ungleiches, willkürlich, fast grotesk zusammengefügtes Doppelgestirn; und es sei dahingestellt, wie weit die Auswahl gerecht war – groß war sie ohnehin nicht. Doch so ungleichartig sie waren, so ungleichzeitig und auf so verschiedene Hörerschafter sie wirkten, einige Züge waren ihnen gemeinsam, die nicht so sehr sie selbst als Deutschland – oder die geistige Abwesenheit des heutigen Deutschland – kennzeichneten. Denn beide waren aus dem Exil, in das sie vor mehr als zwanzig Jahren gegangen waren, trotz zeitweiliger oder dauernder physischer Rückkehr nie wirklich heimgekehrt; beide waren, auf ganz verschiedene Art, Fremde in der emsigen Provinzialität, die heute Deutschland heißt, zutiefst heimatlose Überlebende einer übergegangenen Welt und einer verschollenen Kulturepoche. Nicht ganz der gleichen freilich: Brechts Werk und Geist lebten aus jener kurzen, intensiven Blütezeit anarchischer Unrast und radikalen Experiments, die sich in anderthalb Jahrzehnten der Republik wie ein Feuerwerk versprühte, um in der Hitlerschen Polarnacht unterzugehen, und die in einer Archäologie europäischer Spätkulturen vielleicht einmal die Weimarkultur heißen wird; in Thomas Manns Werk verflackerte spielerisch eine noch ältere deutsche Kontinuität, die gleichfalls 1933 abbrach und für Deutschland unterging. Sie waren Zeugen einer Vergangenheit, nicht eines Neubeginns; und daraus rührt der letzte, rein äußerliche Zug her, den sie gemeinsam hatten: daß ihre Wiederbegegnung mit Deutschland bis zu ihrem Tode nicht aufhörte, politisches Ärgernis und endloses Mißverständnis zu erregen. Wie immer man die Schuld daran verteilt, sie fanden und paßten sich nicht in die neue Landschaft, in keine der Landschaften der deutschen Nachkriegszeit, in der es dergleichen nicht mehr gibt: wer erregt denn heute noch Ärgernis? Nun, da in schneller Folge die letzten erratischen Blöcke der Weimar- und Yor-%Weimar-Kultur aus dieser Landschaft verschvinden, wird ihre Flachheit erst ganz sichtbar.

Das Mißverständnis um Brecht hat seine Krönung in dem Staatsbegräbnis gefunden, das ihm die Gau- und Kulturwarte der DDR zugedacht harten und das er sich, scheint es, letztwillig verbeten hat. Die Gau- und Kulturwarte hatten recht, ihm ein Staatsbegräbnis bereiten zu wollen, mit Einbalsamierung, Sarkophag und Ehrengarde. Sie tragen alles zu Grabe, was sie von ihm besaßen: die auf einem geographischen Kurzschluß beruhende Nutznießung seines Namens. Was er geschaffen hat, gehörte nicht ihnen. Im Rückblick auf drei Jahre internationaler Theaterfestspiele in Paris, an denen die Volksdemokratien prominent und gewichtig vertreten waren, schrieb vor kurzem ein bekannter französischer Kritiker: „Die beiden großen Aufführungen des Berliner Ensembles, die ‚Mutter Courage‘ und der ‚Kaukasische Kreidekreis’, waren unter allen Darbietungen dieser Festspiele die einzigen, die den Eindruck erweckten, daß die neuen Gesellschaftsordnungen Osteuopas imstande sind, einen lebendigen und fruchtbaren Beitrag zur dramatischen Kunst der Gegenwart zu leisten.“

Das ist das geographische Mißverständnis in einem Satz. Bert Brecht hat sieben Jahre in Ostberlin gelebt. In diesen sieben Jahren gingen sein Werk und sein Name um die Welt. Um die westliche Welt: Paris, London, New York, nicht Warschau, Moskau, Peking – er wurde überall gespielt, übersetzt, diskutiert, nur nicht hinter dem Vorhang, hinter den er sich zurückgezogen hatte, als er noch eisern war. Aber was da gespielt, übersetzt und diskutiert wurde, kam nicht aus Ostberlin. Brecht hat in diesen sieben Jahren keine Zeile mehr geschrieben oder doch veröffentlicht, die in sein Werk eingehen wird. Das „sozialistische Deutschland“, das er sich, nicht ohne Skepsis, doch auch nicht ohne Hoffnung, als Schauplatz seines neuen Schaffens gewählt hatte, ist nur sein letztes Exil geworden, das unfruchtbarste, enttäuschendste und hoffnungsloseste, der dürrste Boden, aus dem er außer einigen mühselig-verdrossenen Knittelversen überhaupt nichts mehr zu gewinnen vermochte. Bertolt Brecht, der Dramatiker, ist verstummt, seit er diesen Boden betrat, so wie vor bald dreißig Jahren der Lyriker Brecht verstummt ist. als er beschloß, daß es seine Aufgabe sei, „die Welt zu verändern“. Was blieb, war der Dramaturg, der sein vergangenes Werk in Szene setzte, gelegentlich noch „ideologische Verbesserungen“ für den Ostberliner Hausgebrauch daran anbrachte und theoretische Spinnenfäden darüber zog.

Ideologe mit Schweizer Konto ...