E. Z., São Paulo, im August

Präsident Kubitschek hat Mitte Juli ein Dekret unterschrieben, durch das ab 1. August in ganz Brasilien die Mindestlöhne um durchschnittlich 60 v. ff. erhöht wurden. Die Inflation hat dadurch erneut einen starken Auftrieb erfahren; schon die Ankündigung neuer Mindestlöhne vor Monaten hat überall in Brasilien zu; erheblichen Preiserhöhungen geführt, weitere sind in den lernen Wochen gefolgt.

Die brasilianische Inflation geht auf die Nachkriegszeit zurück; in der Brasilien – ebenso wie andere südamerikanische Länder –, statt mit den im Kriege gestauten Devisen den Nachholbedarf zu decken, in überstürzter Weise begonnen hat, seine Industrialisierung zu betreiben., erst mit eigenen Mitteln; später mit Krediten. Koreakrise und Kaffee-Boom hielten den Inflationsdruck noch zweimal! auf, aber seit 1954 ist kein Halten mehr. Alle Preise, steigen, zwar unterschiedlich aber unaufhörlich. Jeden Monat werden neue Cruzeiro-Milliarden in Umlauf gesetzt.

Im Jahre 1951 hatte der Bundeshaushalt letztmalig einen Überschuß (3,9 Mrd. Cruzeiros), seitdem weist er in jedem Jahr wachsende Fehlbeträge aus (1955: 10,7 Mrd.). Zweimal haben Finanzminister, die in Brasilien auch für die Wirtschaft verantwortlich sind, in den letzten Jahren mit erfolgversprechenden Mitteln versucht, die inflationäre Entwicklung aufzuhalten. Aber beide – Gudin und Whitaker – blieben nur kurze Zeit im Amt, ihre Maßnahmen konnten sich nicht auswirken. Seitdem: ist nichts mehr geschehen, wenn man davon absieht, daß der derzeitige Finanzminister kürzlich die Bevölkerung aufgefordert hat, keine nicht lebensnotwendigen Waren zu kaufen: Die Preise müßten dann zurückgehen.

Es herrscht eine merkwürdige Unlust, etwas Ernstes gegen die Inflation, zu unternehmen. Kein Gedanke an Krediteinschtänkung, und immer noch geht die Woge der Immobiliengeschäfte hoch. Fast sieht es so aus,als käme die Inflation mit allen ihren Nebenerscheinungen der Spielleidenschaft und Spekulationslust des Brasilianers entgegen. Und während die Devisenzuteilungen für die Importeure auf den offiziellen Versteigerungen immer mehr abnehmen, immer weniger lebenswichtige Importwaren ins Land kommen, werden an den Küsten in unbeobachteten kleinen Häfen Luxusautos, Whiskykisten und Fernsehapparate an Land gesetzt.

Lediglich die Tatsache, daß Brasilien nach wie vor ein betont landwirtschaftliches Land ist, daß weite Kreise der Bevölkerung von der Inflation überhaupt keine Notiz zu nehmen brauchen, weil sie – wenn auch bei kümmerlichstem Lebensstandard – Selbstversorger sind, hat bisher das Schlimmste verhindert. Aber in den großen Städten finden laufend Protestversammlungen und Kundgebungen gegen die Teuerung statt. Die Gewerkschaften bezeichnen die 60prozentige Erhöhung der Mindestlöhne als unzureichend, und so lag denn bei ihrer Verkündung überall die Polizeitruppe in Bereitschaft.