Die Urlaubssaison neigt sich ihrem Ende ent-

gegen, also kann man ein wenig über sie herziehen, ohne ihr zu schaden. Die Reisen der Vorsaison und der Nachsaison, so zeigt ein Vergleich, sind zwar weniger augenfällig, nicht jedoch weniger anziehend.

Eigentlich ist die Hauptsaison schon dadurch ein wenig belastet, daß sie ihren Vorzugsplatz im Hochsommer einem Zwang verdankt, dem Zwang nämlich des Umstandes, daß die Schulen ihre Ferien in die heißeste Jahreszeit legen müssen, weil die Schulbehörden trotz aller Stürme dagegen es so wollen. Ihr Argument, daß kein Lehrplan neben fünf bis sechs Wochen großer Ferien auch noch zwei bis drei Wochen Hitzeferien aushalten könnte, war allerdings in keinem Sommer leichter aus dem Feld zu schlagen als in diesem.

So glänzt die Hauptsaison, wenn schon nicht durch die Sonne, vor allem durch die ausgiebige Anwesenheit vieler Menschen in Wald und Heide, Strand und Tal. Zu keiner anderen Jahreszeit bietet sich dem schläfrig aus dem Strandkorb hervorblinzelnden Auge eine so abwechslungsreiche Revue menschlicher Schönheit und Gebrechen. Nicht nur den durch Kinder an die Schulferien gebundenen Familien ist die Hauptsaison unentbehrlich, sondern auch vielen andern Urlaubern, vor allem der ganzen großen Gattung der „Betriebsnudeln“ und den nach außen lebenden, selbstdar-Stellerisch-extrovertiert geprägten Menschen. Denn sie brauchen das bunte Gewimmel am Strand und auf der Promenade, die Tanzabende, Tennisturniere, Strandburgwettbewerbe, Kinderfeste und Feuerwerke, um sich richtig zu erholen.

Gleicht die Saison der reichen Mondänen, so gleicht die Vorsaison einer Braut, die ihre Aussteuer ordnet. Der Strand ist noch glatt, weiß und ganz sauber, und pensionierte Lotsen streichen Zaun und Fensterrahmen ihrer Pensionen. Noch hat man Zeit, für einen gemütlichen Dorfklatsch mit dem Gast, der ein Unterkommen findet, auch ohne sich vorher anmelden zu müssen. Das Wasser freilich ist noch ziemlich kalt, und bei schlechtem Wetter bleibt man, sofern man kein passionierter Wanderer ist, tunlichst im Bett mit Wärmeflasche, Zigaretten oder Schokolade und einem Kriminalroman. Als Gesellschaft findet man die meist noch jugendliche Rotte jener vor, die es nicht länger mehr haben erwarten können; so die jungen Paare, die sich selbst genügen müssen, weil sie für die Saison nicht genügend Geld haben. Denn außerhalb der Hauptsaison ist alles billiger, ohne schlechter zu sein. Das gilt von der Unterkunft über die Verpflegung bis zur Kurtaxe und Strandkorbmiete.

Diese Vorzüge hat auch die Nachsaison und sogar noch einige mehr: Wärmeres Wasser, die Menschen und die Melancholie. Es ist die Zeit derer, die weder den Ehrgeiz haben als erste gebadet zu haben, noch derer, die mit der Sonne durch eine Packung von Sonnenschutzmitteln verkehren. Mit den Fingerspitzen, sozusagen per Pore, werden Licht und Wärme in der Nachsaison wie etwas Letztes, nie Wiederbringliches genossen. Man erlebt den zauberhaften Prozeß der Rückentwicklung eines Badeortes in ein Dorf – die Lust am Abgesang. Zimmervermieter, die an dem dauernden Wechsel der Erscheinungen nicht nur verdienen wollen, sondern daran auch Freude haben, Gastwirte also aus Passion sagen, das Publikum der Nachsaison sei das netteste und interessanteste; und sie sollten es wissen. Tatsächlich kommen sie jetzt heraus: Die Originale, die Sonderbaren, die sympathisch Introvertierten. Meist sind es Schriftsteller, Ärzte, Sängerinnen, Schauspieler, und jene kostbare Kategorie von Mädchen, die den Herbst mehr lieben als den Frühling. Im übrigen braucht man keine Strandburgen mehr zu bauen, man findet sie fertig vor, und die Spuren der Vorgänger dazu: Hier einen gewissen Fußabdruck im Sande, dort ein verlorenes kleines Buch mit einer sentimentalen Widmung „von Deiner Nora“, eine zerbrochene Sonnenbrille oder eine leere Tabaksbüchse –, leer zwar, aber ein Spiegel noch für die Sonne, die einen Strand bescheint, auf dem die Herrschaft des Federballs, der Handstandmacher und der Gummitiere für diesmal gebrochen ist. Des Abends rücken alle diese Sonderbaren dichter zum Gespräch zusammen als Kurgäste es gewöhnlich zu tun pflegen, die Gläser wechseln schneller, der Rauch steht dichter im Raum, die Stimmen sind schnell und frei, und obwohl alle so ganz und gar verschieden sind, haben sie alle etwas gemeinsam – sie streiten sich bis nach Mitternacht um Sachen, die es gar nicht gibt und gehen fröhlich lachend auseinander. Wie beneidenswert sind daher doch die Leute, die erst jetzt in den Urlaub fahren, in Zügen, die nicht einmal überfüllt sind. J. P.