Von Uli Faber

Tokio, im August Ichizo war, wenn ich an einem konkreten Fall die Geburt eines neuen demokratischen Bewußtseins in Japan studieren wollte, eine ideales Objekt. Seit 25 Jahren arbeitete er in derselben Fabrik, die Turbinen, Lokomotiven und andere elektrische Maschinen herstellt. Er hatte noch die früheren patriarchalisch-feudalen Zeiten erlebt, in denen ein Streik ein Sakrileg, eine Art Verrat am Brotherrn und Führer war. Heute ist er einer der angesehensten Arbeiter der Fabrik, angesehen sowohl bei der Leitung wie bei den Kollegen, die ihm die Führung einer Gruppe von etwa 200 Arbeitern in der Gewerkschaft anvertraut hatten. Ich saß mit ihm auf den Strohmatten seiner Wohnung in einem Block, den sein Unternehmer gebaut hatte, lauschte, wie er nach Arbeitsschluß seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Rezitieren von No-Versen huldigte, in dunklem Kimono kerzenstarr aufgerichtet, das Manuskript mit den krausen Zeichen vor sich auf einem niedern Schemel hingebreitet, die Familie zuhörend ringsum. Ich stellte mir vor, was als europäisches Equivalenz zu gelten hätte: ein Krupparbeiter, der sich abends als Barde verkleidet und der Familie Tristan oder Parzival auf Mittelhochdeutsch vorrezitiert ...

„Was würden Sie sagen?“ fragte ich Ichizo, als er geendet hatte: „Hat sich Ihr Leben seit dem Krieg und den amerikanischen Reformen wesentlich verändert?“ – Ichizo überlegte eine Weile. „Materiell kaum“, meinte er. „Unsere Firma hat immer gute Löhne gezahlt. Unsere Gewerkschaft hat bisher keinen einzigen Streik veranstaltet. Besser, möchte ich sagen, sind die menschlichen Beziehungen geworden. Letzte Woche war ich sehr betrunken und begab mich, ohne zu wissen, was ich tat, ins Haus des Direktors. Früher hätte er mich achtkantig rausgeworfen. Aber jetzt war er sehr freundlich und brachte mich in seinem Wagen nach Hause.“

„Und wie steht es mit Ihren demokratischen Rechten?“ erkundigte ich mich. „Für welche Partei stimmen zum Beispiel die Arbeiter Ihrer Gruppe?“ – Ichizo blickte mich stolz an. „Sie stimmen alle dasselbe wie ich“, meinte er. Er schien die leichte Ironie auf meiner Miene zu bemerken. „Selbstverständlich bespreche ich es vorher mit ihnen, und wir beschließen dann, was wir stimmen“, korrigierte er. – „Und wenn jemand anderer Meinung bleibt?“, forschte ich. – „Das kommt nicht vor“, versicherte Ichizo kopfschüttelnd.

Genauso, wie er selber vasallentreu zur Fahne seiner Firma stand, wußte auch er sich seiner Gefolgschaft sicher.

Ein Volk, wie die Japaner, das seit Jahrhunderten in einem geschlossenen System von Werten gelebt, in dem der einzelne nichts als ein Knoten in einem kunstvoll geknüpften sozialen Gewebe und die kollektive Entscheidung ungleich viel wichtiger war als die individuelle Freiheit – wie sollte sich im Lauf eines Jahrzehnts ein ganz anderes, auf die frei verantwortliche christliche Individualität gegründetes Bewußtsein durchsetzen? Das Studium des modernen Japan ist ein wunderliches Erlebnis: Auf der Oberfläche scheint es der verwestlichste Staat Asiens in seinen auferlegten politischen wie in seinen freiwillig übernommenen Lebensformen, aber irgendwie funktionieren die ganzen Dinge anders (oder auch gar nicht).

Heute ist die Demokratie Japans in ihrer Wurzel, nämlich in ihrem parlamentarischen System, gefährdet, nachdem die vergangene Wahlperiode in einer Kette von Prügeleien zu Ende gegangen ist. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß die französischen und italienischen Parlamente zuweilen einer solchen zweifelhaften Praxis huldigen, so übertrifft, was sich die Japaner geleistet haben, doch alles, was sich je in Paris und Rom ereignete. Es war gar nicht so sehr der Ausbruch eines leidenschaftlichen Temperaments als eine bewußte Sabotage der parlamentarischen Tätigkeit durch eine Minorität, welche die von ihr bekämpften Vorlagen nur dadurch besiegen konnte, daß sie das Parlament am Funktionieren hinderte.