Von Gustav Vechna

Der Ruf nach Arbeitszeitverkürzung führt zu einem Circulus vitiosus, wenn es nicht gelingt, neue Faktoren einzuschalten. Kürzere Arbeitszeit (bei gleichem Lohn) führt zu erhöhten Produktionskosten, zu steigenden Preisen, zu Überstunden und also verlängerter Arbeitszeit, um den Realwert des Lohnes wenigstens stabil zu halten. Als neuer Faktor, der diesen unseligen Kreislauf durchbrechen könnte, wird die elektronische Steuerung von Arbeitsprozessen, die sogenannte „Automation“, eine Rolle spielen.

Wie steht es nun aber mit der Arbeitszeitverkürzung im öffentlichen Dienst? In der Verwaltung der Gemeinden, der Länder und des Bundes? Bei Finanzämtern und Gerichten, bei Post und Eisenbahn, bei Polizei und Schule?

Es ist keine Überraschung, daß sich die in der Transportarbeitergewerkschaft ÖTV zusammengeschlossene Beamtenschaft der allgemeinen Gewerkschaftsforderung auch für den Bereich des öffentlichen Dienstes angeschlossen hat; beachtlicher ist schon, daß auch der Deutsche Beamtenbund mit seinen über 500 000 reinen Beamtenmitgliedern die Arbeitszeitverkürzung bei den Behörden für notwendig hält.

Aber dadurch ergeben sich für die Allgemeinheit schwerwiegende Folgen: Seit Jahren agitiert man in der Öffentlichkeit gegen die „Aufblähung des Beamtenapparats“ und findet damit den Beifall der Steuerzahler. Dieselbe Öffentlichkeit klagt bitter, daß die „Mühlen der Bürokratie“ so „langsam mahlen“; der notorische Richtermangel ist allgemein bekannt, und die Rechtsstreitigkeiten oder Strafprozesse dauern den Betroffenen zu lange.

Die Finanzämter sind – wie unlängst eine aufsehenerregende Denkschrift des „Bundes Deutscher Steuerbeamter nachwies – durch den Dauerregen neuer Steuergesetze oder die Abänderungen alter Bestimmungen so überlastet, daß eine sorgfältige Bearbeitung der Steuerakten, die ja im Interesse des Staatsbürgers liegt, nicht mehr gewährleistet erscheint. Auch die Post leidet unter Nachwuchsmangel, vor allem qualifiziertem, aber alle Welt schreit nach der dritten Tageszustellung.

Die Beanspruchung des Eisenbahnpersonals geht seit Jahren bis an die Grenze des Zumutbaren und wirft die Frage nach der Sicherheit auf. Die Zügellosigkeit der Verkehrsteilnehmer in Deutschland erfordert ständig eine Vermehrung der Verkehrsposten, weil sich fast täglich aufs neue herausstellt: wo keine „Respektsperson“, sondern ein Mechanismus den Verkehr regelt, bleibt der jeweils physisch schwächste Verkehrsteilnehmer der Leidtragende. Über die Überbeanspruchung der Kriminalbeamten ist kein Wort zu verlieren. Und schließlich braucht man im Schulwesen nur auf die überfüllten Klassen, den ausfallenden Unterricht und den allgemeinen Gesundheitszustand der Lehrkräfte hinzuweisen, um die Lage auf diesem Gebiet zu charakterisieren.