Die Honoratioren von Keitum schreiben – der englische Flugplatzkommandant denkt nach

p. Westerland

Englische Düsenmaschinen über Sylt und kein Ende, nur vertröstende Worte, die niemanden trösten können, weil ihnen die Tat nicht folgt. Die Vertröstungen sind die Antwort auf eine Eingabe, in der Bürgermeister, Arzt, Pastor, Hauptlehrer, Feuerwehrhauptmann und ein Luftfahrtsachverständiger des von dem britischen Düsenflugbetrieb besonders schwer mitgenommenen Dorfes Keitun – jeder von seinem Fach und Standpunkt aus – begründen, warum es so nicht weitergehen kam. Die Eingabe ist von 524 Keitumer Bürgern unterschrieben und an folgende Stellen gesandt worden: den Staatssekretär des Bundeskanzleramts, den Bundesminister für Verteidigung, das Bundesministerium für Verkehr, die Landesregierung Schleswig-Holstein, den Deutschen Arbeitsring für Lärmbekämpfung, den Deutschen Bäderverband, den Fremdenverkehrsverband Nordmark, den Luftverkehrsbeirat im Bund Deutscher Verkehrsverbände und den Generalkonsul Sir John Dunlop, Hamburg, britisches Generalkonsulat. Sie alle haben mitfühlend – leider aber nicht mithörend – geantwortet, nur das Amt Blank nicht, das ein Schreiben vom 27. Juni bis heute nicht einmal als eingegangen bestätigt hat. Das Amt, scheint es, läßt sich Zeit, genau soviel Zeit, wie Group Captain Bradshaw, der britische Flugplatzkommandant, der in dieser Sache – man sieht ihn englisch gelassen und sinnend an seiner Pfeife ziehen – schrieb: „... Wenn ich Zeit habe, alle in Ihrem Brief aufgeführten Punkte zu überdenken, werde ich die Angelegenheit mit meinem Wing Commander, der für das Fliegen verantwortlich ist, besprechen...“

Group Captain Bradshaw braucht offenbar sehr viel Zeit zum Nachdenken, oder er spricht nicht gern mit seinem Wing Commander, denn geändert hat sich absolut nichts. Die Einwohner der Insel aber sind der Meinung, daß nicht nur die Kurgäste, die sich immerhin in die jeweils weniger geräuschvollen Winkel der Insel flüchten könnten, sondern wohl auch die Einheimischen über Gebühr und ohne Notwendigkeit zu leiden haben. Und nicht nur für Keitum, sondern genauso für Westerland und Hörnum, für Wenningstedt und für das nackte Kampen (das die Piloten recht gern tief überfliegen, obwohl sie seinen „Schönheiten“ aus der Luft kaum näherkommen können) – praktisch für den größten Teil der Insel gilt, was Keitums Vertreter zu sagen haben. Man sollte es sich in Kiel und Bonn ruhig einmal gründlich durchlesen.

Der Pastor: „Der staatlich geschützte Himmelfahrtstag wurde noch in keinem Jahr respektiert, er war Flugtag wie jeder andere Werktag. Ganz besonders störend wird der Fliegerlärm empfunden bei Trauerfeiern auf dem Keitumer Kirchhof. Der ohrenbetäubende Krach der niedrig fliegenden Düsenjäger verhindert es, mich den Leidtragenden verständlich zu machen ... Ich möchte einmal wissen, was die Flieger sagen würden, wenn in ihrem Heimatland bei der Beerdigung ihrer Mutter, ihres Vaters ein derartiger Lärm vollführt würde...“

Der Lehrer: „Da seit längerer Zeit die Flugzeuge regelmäßig den Ortskern, also auch das Schulgrundstück, im Tiefflug überfliegen, muß der Unterricht bei fast täglichem Flugbetrieb dauernd in kurzen Abständen für Minuten unterbrochen werden. Die Kinder der unteren Jahrgänge halten sich während der Unterrichtsstunden unwillkürlich die Ohren zu und nehmen eine geduckte Abwehrhaltung ein. Allgemein gesehen bewirkt dieser unerträgliche Lärm die wachsende Unkonzentriertheit und Nervosität der Kinder und Lehrer. Hinzu kommt, daß auch an heißen Sommertagen während des Unterrichts grundsätzlich kein Fenster geöffnet werden kann. Die Folge davon ist eine rasch zunehmende Ermüdung. Unter diesen Umständen kann in keiner Klasse das Unterrichtsziel erreicht werden.“

Bürgermeister und Kurverwaltung: „Zwei Familien, die in Keitum Wohnung genommen hatten, haben es nicht bei der Beschwerde bewenden laslen, sondern haben kurzerhand den Kurort verlassen. – Es ist damit zu rechnen, daß sich derartige Fälle wiederholen und dadurch erhebliche wirtschaftliche Schäden entstehen, wenn nicht von der RAF beim Flugbetrieb etwas Rücksicht genommen und der Lärm vermindert wird.“