Die 56. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, die am letzten Wochenende im Berliner Olympiastadion ausgetragen wurden, beanspruchten insofern ein besonderes Interesse, als sie die Grundlage bildeten für die Auswahl der westdeutschen Olympiakämpfer. An allen drei Tagen erlebte man sehr spannende Wettbewerbe und man spürte deutlich, wie jeder Teilnehmer bestrebt war, sein Bestes herzugeben, nicht nur um den schönen Titel eines Deutschen Meisters zu erringen, sondern sich auch die Anwartschaft auf eine Flugkarte nach. Australien zu sichern. Vorsorglich hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband auch gleich einen Schneider in das schöne Stadion beordert, der von allen Athleten, die eine einigermaßen olympiawürdige Leistung vollbrachten, die nötigen Körpermaße aufnahm, um sofort mit der Anfertigung der offiziellen Kleidung beginnen zu können, wenn sich West und Ost endgültig auf die gesamtdeutsche Vertretung geeinigt haben werden. Das soll im Oktober geschehen. Wieviel schöner (und einfacher) aber wäre es gewesen, man hätte diese Meisterschaften nun endlich für beide Teile Deutschlands (die Saar war diesmal wenigstens schon wieder dabei) abgehalten, so wie es die Ruderer schon wiederholt getan haben. Wann werden wir wenigstens im Sport die Wiedervereinigung erhalten? Dann erst werden die Meisterschaften wieder der alljährliche Höhepunkt der deutschen Leichtathletik sein.

Die diesjährige sportliche Schau im Berliner Olympiastadion berechtigt zu guten Hoffnungen. Fast in allen Übungen konnte man eine oft recht erhebliche Leistungssteigerung wahrnehmen, das Können war insgesamt erheblich größer als in den letzten Jahren nach dem Krieg. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat in zielbewußter Arbeit und unter großen Opfern seiner Mitglieder den Wiederaufbau durchgeführt. Nur wer die vielen Schwierigkeiten dieses Sportverbandes, besonders auch finanzieller Art, kennt, wird den Eifer der Leichtathleten besonders zu würdigen wissen. Wenn auch in Melbourne für uns die Trauben besonders hoch hängen werden, so werdet? unsere Vertreter kein allzu schlechtes Bild machen. Und darauf allein kommt es diesmal an.

Aus der Fülle der schönen Leistungen, die trotz schweren Regens und scharfen Windes erzielt wurden, seien nur einige wenige herausgegriffen, die, im Vergleich zum internationalen Leistungsstand, als annähernd olympiareif bezeichnet werden können: der 200-Meter-Lauf Manfred Germars (er gewann auch die 100-Meter-Strecke), dessen Zeit von 20,9 Sekunden bislang nur von drei deutschen Sprintern erreicht wurde, sichert ihm einen Platz in der Weltspitzenklasse; die 46,8 Sekunden im 400-Meter-Lauf von Karlfriedrich Haas sind die schnellste Zeit, die jemals in einem Endlauf dieser Kategorie bei einer deutschen Meisterschaft erzielt wurde. Olympiareif war auch der Weitsprung von Molzberger mit 7,59 Meter und vor allem der Sieg der Münchener Läuferin Zenta Gastl im 80-Meter-Hürdenlauf, auch wenn sie mit 10,6 Sekunden drei Sekunden hinter ihrer erst kürzlich aufgestellten Weltbestleistung zurückblieb. Weltrekord kann man nun einmal nicht jeden Tag laufen. Vielleicht auch muß man noch den Weitsprung von Erika Fisch erwähnen, die mit ihren 6,19 Meter nun den Russinnen besonders gefährlich werden dürfte. Einen neuen deutschen Rekord gab es im Kugelstoßen durch Wegmann mit seinen 17,05 Metern.

W. F. Kleffel