Bayerisches – allzu Bayerisches im Münchner Rundfunk

Im Bayerischen Rundfunk und um ihn herum geschehen seltsame Dinge. Wenn man die Symptome richtig deutet und wenn man allen Behauptungen glauben darf, die außerhalb des Hauses zur Grundlage massiver Vorwürfe gegen den jetzigen stellvertretenden Intendanten, Chefredakteur Walter von Cube, gemacht werden, so muß man den Eindruck gewinnen, als sollte der neugewählte künftige Intendant Franz Stadelmayer – der sich allerdings befremdend viel Zeit läßt – bei seinem Amtsantritt im Oktober vor gewisse personalpolitische Tatsachen gestellt werden. Zwar will eine weitverbreitete öffentliche Meinung das ganze plötzliche Aufsehen um diese Geschehnisse als bloßen Propagandawind für den kommenden Wahlkampf der Parteien aufgefaßt wissen. Aber auch bei dieser Interpretation bleibt einiges mindestens „merkwürdig“, jedenfalls klärungsbedürftig.

Der Anlaß, der die Windmaschine in Bewegung setzte, liegt schon ziemlich lange zurück. Am 8. Juni erschien im „Münchener Merkur“ ein Artikel von Winfried Martini „Pensionierte Gespenster“. Martini, Kommentator des Bayerischen Rundfunks, wandte sich in diesem Aufsatz gegen die Furcht vor dem Neofaschismus und empfahl dafür mehr Aufmerksamkeit auf die aktuellere Gefahr aus dem Osten. Er bestritt die Existenz einer wirklichen Bedrohung von Seiten der pensionierten nazistischen Gespenster. Nichts wiederhole sich in der Geschichte in gleichen Formen, wohl aber könne sich die menschliche Bereitschaft zu Unrecht und Gewalt unter entsprechenden Voraussetzungen an ganz anderen Gegenständen wieder entzünden, und daher sei an dem Ernst der kommunistischen Bedrohung nicht zu zweifeln. Dem DGB-Landesvorsitzenden Wonner gefiel dieser Artikel nicht. Er forderte in einem Brief an Cube die Entfernung Martinis aus dem Rundfunk. Auch Robert E. Lembke, der stellvertretende Chefredakteur – derselbe, der seinerzeit aus bis heute ungeklärten Gründen den Programmleiter Schneider-Scheide fristlos entließ – nahm schweren Anstoß daran und wollte Winfried Martini bedingungslos und für immer verbannen. Wie es heißt, war Cubes sprichwörtliches faible für die Meinungsfreiheit der deus ex machina, der das Todesurteil in ein achtwöchiges Redeverbot verwandelte...

Wie denn? Ein Chefredakteur hat natürlich das Recht, einen Mitarbeiter aus bestimmter Veranlassung nicht mehr tragbar zu finden. Ist er davon überzeugt, so kann er nicht nur, sondern muß er ihn entlassen. Was soll aber eine Strafe wie dieser befristete Wortentzug bedeuten? Etwa einen Denkzettel – also doch (und zwar ziemlich robuste) Meinungsbeeinflussung unter dem Schein der Loyalität? Oder sollte ein so „starker Mann“ wie Walter, von Cube, dessen, joviale Standfestigkeit Freunde und Feinde rühmen, seinem eigenen Stellvertreter Lembke eine solche Geste schuldig gewesen sein in dem Sinne: „Ich bin ja auch dagegen, aber ich will nicht so grausam sein?“ Es ist schwer, eine vernünftige Deutung zu finden. Entweder ist jemand untragbar, oder er ist es nicht. Winfrid Martini ist für den Bayerischen Rundfunk genau acht Wochen lang untragbar, dann ist er wieder tragbar...

Begreiflich, daß der mysteriöse Vorgang Kritiker und Angreifer von den verschiedensten Seiten auf den Plan rief. Jetzt wollte man bemerken, daß ein gewisser Personenkreis um Walter von Cube, an der Spitze Herr Lembke, mit Ämtern und Gehaltserhöhungen auffallend vor den anderen Mitgliedern des Hauses bevorzugt worden sei und daß dieser Kreis eine bestimmte politische Note, einen bestimmten rosaroten Charme habe. In der Tat war Lembke, von dem gesagt wird, er sei ebensoviel fleißiger wie „schärfer im Kurs“ als Cube, zum Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens und zum Leiter der Fernsehwerbegesellschaft ernannt worden. Alles ohne vorherige Befragung des Rundfunkrats, in welchem die CSU dominiert, der Cubes „Richtung“ schon längst auf die Nerven fällt, nicht weniger als dem BHE, der ihm seine Sowjetzonen-Eskapaden vor einigen Jahren niemals verziehen hat und darum geradezu ein neues, unabhängiges Rundfunkinstitut wünscht, falls es keine gesetzlichen Mittel gebe, Walter von Cube und seine Prätorianergarde zu stürzen. (Übrigens eine praktisch undurchführbare Idee, diese Rundfunk-Neugründung.) Die CSU-Landtagsfraktion will den gesamten Fragenkomplex, vom Fall Martini bis zum Fall Lembke, nach den Parlamentsferien zur Sprache bringen.

Es ist ein ganz schönes Durcheinander von feststellbaren, glaubwürdigen und unbeglaubigten Seltsamkeiten. Und so erscheint der schon mehrfach laut gewordene Wunsch, die Hauptbeteiligten möchten sich endlich einmal selbst zur Sache vernehmen lassen, mehr als berechtigt. b.r.