Von René Drommert

Die Geschichtsschreibung des Theaters bleibt – trotz der Notationsmittel der Kulturindustrie, trotz Filmaufnahme und Magnetophonband im Hör- und Sehfunk – nach wie vor unvollständig: weil das dokumentarische Anschauungsmaterial noch vielfach dem Zufall unterworfen ist. In manchen Fällen nimmt die Gerechtigkeit perspektivisch ab. Je mehr eine Persönlichkeit sich unseren Blicken entzieht und in die Vergangenheit entrückt, ohne ein vielfältiges Echo in der Literatur zu hinterlassen, desto zweifelhafter erscheinen oft die Akzente ihrer Lebensleistung.

Erich Hegel der am 26. August 80 Jahre alt geworden wäre (wie man nach einem seltsam unkontrollierten Schema zu sagen pflegt), ist ein Musterbeispiel der schwankenden und unsicheren Beurteilung. Schlägt man zahlreiche: Arbeiten über das deutsche Theater der ersten Jahrhundertwende nach, so fällt auf, daß Ziegels Name oft ganz fehlt oder daß er nur beiläufig erwähnt wird. Das erscheint für fast jeden, der die Ära Ziegel in Hamburg nach dem ersten Weltkriege erlebt hat, eklatant ungerecht. Daß Ziegels Ruhm keine ganz angemessene Breitenwirkung erreichte, liegt an manchen persönlichen – ehrenwerten – Eigenschaften und an der Situation der Zeit, nicht an der Intensität, am Mut, an der Verve und Integrität seiner Leistung selbst. Erstens verließ Ziegel schon Anfang 1934, anderthalb Jahrzehnte vor seinem Tode, Hamburg und lebte lange, von der Ungunst der politischen Situation vielfach betroffen, fast in der Anonymität: zum mindesten was seine entscheidenden Fähigkeiten betraf, die direktorialen. Zweitens entfaltete sich das Hauptstück seines Lebens in einer Stadt, die, ohne immer amusisch genannt werden zu dürfen, hinsichtlich der Entfaltung des Ruhms für viele doch ein Nebengleis, für manchen sogar ein totes Gleis war: in Hamburg. Drittens war Ziegel, ein nicht nur untadeliger, sondern auch in besonderem Maße liebenswerter Mensch, persönlichen Ehrungen recht abgeneigt. So mancher Feier, die ihm selber gilt, ist er mit einem Scherzwort oder Witz ausgewichen, und er hat auf die schriftliche Fixierung seiner Leistungen bedauerlich wenig Wert gelegt. Als er 1950 in München starb, sagte Gustaf Gründgens, er sei ein schöpferischer Theatermann gewesen, „von dessen künstlerischer Kraft mehr Menschen zehren, als bekannt ist“.

Einmal hat Ziegel eine große Chance gehabt, nicht nur der Leistung, mit der er ohnehin sein Leben lang engstens verbunden war, sondern eine Chance der Sichtbarkeit, der Würdigung, des Ruhms. In der Spielzeit 1932/33 wurde ihm die Leitung der ersten Bühne Deutschlands, des Preußischen Staatstheaters in Berlin, angetragen. Ziegel lehnte ab. Über Richtigkeit oder Irrtum solch eines Verzichtes ein Urteil zu fällen, steht uns nicht zu. Ein moralisches Motiv scheint, vielleicht unter anderen Beweggründen, wichtig, wenn nicht entscheidend gewesen zu sein: die Treue zu den Menschen, die in Hamburg sein Werk ermöglicht und unterstützt hatten.

Am 31. August 1918 wagte Erich Ziegel den entscheidenden Schritt seines Lebens, gestützt auf Zwei feste Voraussetzungen, auf seine Idee vom Theater und auf das Vertrauen seiner Frau Mirjam Horwitz: er gründete die Hamburger Kammerspiele. So vieles sprach gegen diesen Versuch, die Ungunst des letzten Kriegsjahres, die schwere Entflammbarkeit der Hamburger, die technisch so unzulängliche „Bruchbude“, das alte, 742 Plätze umfassende Tivoli-Theater auf einem tiefen Gelände zwischen Besenbinderhof und Norderstraße.

Ziegel, der aus Schwerin an der Warthe stammte, eröffnete sein Theater mit einer Woche zu Ehren Wedekinds, der ein halbes Jahr vorher gestorben war. „Hidalla oder die Moral der Schönheit“ bildete den Auftakt. Dieses Kapitel Theatergeschichte, das Anfang 1934 mit einer Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ im Thalia-Theater grandios beschlossen wurde, trägt keinen lokalen Charakter. Es ist ganz auf eine größere Gültigkeit zugeschnitten, die durch geographische, politische, konfessionelle Grenzen nicht behindert wird. Bezeichnenderweise hieß das Programmheft des Theaters, dessen Dramaturg lange Hans Harbeck war, „Der Freihafen“. In diesem Titel schon verrät sich, daß Ziegel sich in seiner undogmatischen, nur dem eigenen Gewissen verpflichteten Kunstpolitik jenem Teil Hamburgs verwandt fühlte, der auf Verbindung und Verbindlichkeit, Gastfreundschaft und Duldsamkeit, auf Weite, Offenheit und Großzügigkeit gerichtet ist. Vom Hoftheaterstil war Ziegel ebenso weit entfernt wie von jenem Geist unserer Tage, der sich in der Sucht nach Theaterpalästen manifestiert. Seine Bühne war am ehesten mit den Münchener Kammerspielen Otto Falckenbergs, mit Louise Dumonts Düsseldorfer Schauspielhaus oder Reinhardts Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin zu vergleichen.

Es ist bezeichnend, daß Ziegel später, als er mit den Kammerspielen, nach einer vierjährigen Interimszeit an den Großen Bleichen, ins Thalia-Theater zog, über die mögliche Regeneration des Ensembles sagte: „Ach, am liebsten finge ich ganz neu, ganz von vorne an. Mit neuen, frischen, jungen Leuten“. Eines der offenkundigen „Geheimnisse“ dieser Persönlichkeit war die geistige Adhäsionskraft, die Anziehungskraft des Bezüglichen: der starken Talente. Ziegel, der 1916 als Schauspieler ans Thalia-Theater in Hamburg gekommen, nachher zum Schauspielhaus hinübergewechselt war und auf seiner eigenen Bühne am Besenbinderhof viel (und ausgezeichnet) gespielt hat, schuf einen Kristallisationspunkt der Begabungen. Es ist sattsam bekannt (oder schon nicht mehr?), daß sich in Ziegels Kammerspielen jener Jahre eine Fülle starker Talente einfand. Teils hatten sie schon einen guten Namen, teils sollten sie sich ihn erst erwerben, in Hamburg oder in Berlin oder woanders: Albert Steinrück, Paul Wegener, Maria Orska, Gustaf Gründgens, Paul Kemp, Viktor de Kowa (der sich damals noch Viktor Kowarzik rannte), Axel von Ambesser, Carl Heinz Schroth, Otto Kurth, Ellen Schwannecke, Herta Windschild, Hermann Bräuer, Hans Stiebner, Maria Loja, Ernst Fritz Fürbringer, Anneliese Born, Albrecht Schoenhals und viele andere. Johannes Schröder war der bedeutendste Bühnenbildner der Ära Ziegel, und Mirjam Horwitz, Gustaf Gründgens und Erich Engel haben bei Ziegel zum erstenmal Regie geführt.