Von einem Leser unserer Zeitung, der auf Grund seiner Tätigkeit über eine besondere Sachkenntnis über die sowjetrussischen Außenhandelspraktiken in den nah- und fernöstlichen Ländern verfügt, wird uns geschrieben:

Schlägt man heute den Wirtschaftsteil einer Zeitung auf, so fallen sofort die mehr oder minder alarmierend gehaltenen Meldungen über die Expansion der sowjetrussischen Wirtschaft ins Auge. Der Leser stellt sich die Frage, wie das Vordringen des russischen Wirtschaftseinflusses in Südasien und im Nahen Osten zu erklären ist. Liegt das vielleicht an der unausgeglichenen Wirtschaftspolitik des Westens?

Die Wirtschaftspläne der UdSSR sind unterteilt in Produktions- und Finanzpläne. Aus letzteren lassen sich unschwer Änderungen in der gesamten Wirtschaftspolitik der Sowjetunion ablesen. So sind etwa die Investitionsangebote an die Länder Südasiens und des Nahen Ostens Ausdruck für die Bestrebungen der UdSSR, in die Wirtschaft dieser Länder einzudringen und sie in irgendeiner Form abhängig zu machen, um aus dieser Abhängigkeit politisches Kapital zu schlagen.

Damit kommt man zu der Frage, wie es der UdSSR gelungen ist, überhaupt das Interesse dieser Länder in wirtschaftlicher Hinsicht zu erregen. Die Voraussetzung hat die westliche Wirtschaftspolitik gegeben. Der Westen hat auf das Drängen der südasiatischen Staaten auf stärkere Abnahme ihrer Güter nicht oder nur vage reagiert. Hinzu kommt, daß die UdSSR langfristige und kostspielige Investitionen vornehmen will, die für die betreffenden Staaten Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit eröffnen. Auf Grund bilateraler Abkommen sollen einerseits Investitionen in den industriell wenig entwickelten Ländern vorgenommen, andererseits nach einem fest umrissenen Plan die Erzeugnisse dieser Länder auch abgenommen werden.

Wie aus Wirtschaftsverhandlungen bekannt ist, kann man diesen gering industrialisierten Ländern, von denen hier die Rede ist, ein kaufmännisches Rechnen nicht absprechen. Es ist bekanntgeworden, daß die Sowjetunion Investitionsgüter zu äußerst niedrigen Preisen anbietet. Bereits in der Vergangenheit hat die UdSSR Investitionsgüter günstiger als die westlichen Staaten angeboten, obwohl sie ihre Preise auf Grund der untereinander entwickelten Konkurrenz – bereits schärfstens kalkuliert hatten. Man kann wohl daraus schließen, daß die UdSSR ihre im Ausland angebotenen Güter vielfach kostspieliger erzeugt, als sie diese verkauft. In einem Wirtschaftssystem, das nicht auf dem Prinzip der Unabhängigkeit der verschiedenen Produktionsgebiete beruht, können solche Verluste hingenommen werden, weil Verluste in dem einen Industriezweig durch Gewinne in einem anderen ausgeglichen werden können. Auf Grund dieser Möglichkeit kann die rusische Industrie auch leichter Absatzmärkte erobern, als die Industrie in den westlichen Ländern; es sei denn, daß diese mit staatlichen Subventionen oder wirtschaftlicher Zentralisierung, dem Vordringen des sowjetischen Einflusses begegnen. Nur durch eine solche wirtschaftliche Machtkonzentration des Westens wäre es möglich, mit den russischen Wirtschaftsmonopolisten zu konkurrieren.

Die Monopolisierung des Außenhandels der Sowjetunion macht eine Trennung der Inlandpreispolitik von den Weltmarktpreisen möglich. Das heißt nichts anderes, als daß der Zusammenhang zwischen dem Inlands- und dem internationalen Wert der russischen Währung aufgehoben ist. Die russische Außenhandelspolitik wird nur wenig von allgemeinen internationalen Preisbildungen, von Änderungen der Börsennotierungen beeinflußt. Die gesamte nichtsozialistische Wirtschaft dagegen ist abhängig von solchen Veränderungen. Ein weiterer Grund, weshalb ein Eindringen in die Märkte des Orients und Südasiens der UdSSR nicht schwer wird, ist die Tatsache, daß die Währungen dieser Länder nicht auf den internationalen Börsen notiert werden. Deshalb ist eine Investition oder eine Finanzierung von Projekten in Rubelwährung möglich, obgleich der Rubel nur einen internen Wert besitzt.

Niemand sollte sich jemals zu der Annahme verleiten lassen, von Seiten der UdSSR würde in wirtschaftspolitischer Hinsicht etwas unbegründet getan. Man bedenke, daß gerade in der Sowjetunion das Hauptmerk auf die Planung gerichtet ist. Dazu gehört auch die monopolistische Planung des Außenhandels. So ist auch die Ausweitung der Beziehungen zwischen der Sowjetzone und dem Libanon ohne Frage als Generalprobe der Wirtschaftspolitik der UdSSR anzusehen. Schon zwischen der deutschen Sowjetzone und dem Libanon ist auf Grund eines besonderen bilateralen Abkommens eine sehr enge Zusammenarbeit herbeigeführt worden. Ähnliches plant sicherlich die Sowjetunion. Als Ziel hat man sich die Kontrolle über weite Wirtschaftsräume durch die Schaffung bilateraler Abkommen gesetzt.