Wenn die großen Schulferien beendet sind und der September milde wird, dann rückt das Sauerland in den Blickwinkel der Herbsturlauber. In Westfalen vor den Toren der rheinischen Großstädte gelegen, erfreut sich das Sauerland in einer Breite von 90 Kilometer schon seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts steigender Beliebtheit als Erholungsgebiet. Die Autofahrer aus Köln, Düsseldorf oder Wuppertal sind auf guten Straßen in zwei bis drei Stunden an den verschwiegensten Plätzen dieses buchen- und fichtenreichen Landes. Das Ebbe- und Rothaargebirge, in zunehmendem Maße auch der Kellerwald im Südosten, nehmen den Eisenbahn- oder Autofahrer als Wanderer auf. Wer von Süden, etwa aus Frankfurt, kommt, betritt diese Berglandschaft, an den kahlen Teil des Westerwaldes anschließend, nördlich der Linie Marburg-Siegen. In Hilchenbach fallen ihm die vielen Autos auf, die vor dem „Deutschen Haus“ parken. Sie zeugen vom guten Essen, das dort in einem räumlich sehr ansprechenden Rahmen geboten wird. Wer von Bad Wildungen aus die berühmte Edertalsperre besucht, der sollte auch das Edertal aufwärts fahren. Er wird in Berleburg bald belohnt. Hier ist man im Mittelpunkt des Wittgensteiner Landes. Das Schloß der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein, das dem Gebiet den Namen und einstmals die Herren gab, bietet dem Besucher heute alte Waffensammlung und einen schönen Park zur Besichtigung.

Die landschaftlichen Reize des Gebiets und eine nahrhafte, persönlich abgestimmte Hausmannskost werden für den Geldbeutel attraktiv durch die Preiswürdigkeit. Besonders in verschiedenen kleineren Orten findet man heute noch Pensionspreise wie nur selten in ähnlich beliebten Erholungsgebieten. Die größeren Plätze geben ihre Werbeprospekte schon in holländischer, französischer und englischer Sprache heraus. – Wer von Norden kommt, sollte nicht versäumen, die Möhne-Talsperre zu besuchen. Das Möhnetal abwärts und dann das Ruhrtal ein Stück hinauf und man ist in Arnsberg der alten westfälischen Hauptstadt.

Als Land der tausend Berge, aber auch der Quellen und Flüßchen, die sich zu großen und sogar schönen Stauseen sammeln, ist das Sauerland ein Wanderland. Hier ist die Natur noch die Hauptattraktion. Vom höchsten Berge, dem Kahlen Asten (842 Meter), genießt man einen Rundblick über zahllose Kuppen und Waldhänge. Neu- und Alt-Astenberg vermitteln dem Gast mit Fernblick und Talabstiegen das erhebende Gefühl, hoch droben zu wohnen. In Nordenau hält sich lange der Schnee. Nur hundert Meter tiefer als der Kahle Asten und wenige Kilometer von ihm entfernt ist Winterberg einer der renommiertesten Plätze.

12 000 Morgen Naturschutzgebiet aus Fichten- und Buchenbeständen sind für Herzleidende fast steigungsfrei erschlossen worden. Der kräftige Wanderer findet einsame, abwechslungsreiche und gut bezeichnete Tourenwege, und der Skifahrer auch für mäßige Künste passende, lange Abfahrtstrecken dicht bei der Bergstadt. Für sportliche Könner besitzt Winterberg eine Sprungschanze. Das Heilklima der Waldlandschaft läßt sich vielfältig ergänzen in zwei Schwimmbädern und durch medizinische Bäderbehandlung. An den Abenden kann sich der Gast in Winterberg gut unterhalten.

Wer ins Sauerland von Westen einfährt, findet gleich hinter dem Bergischen Land zwei einladende Städte. Iserlohn, die Kongreßstadt im Walde, macht alljährlich durch ihre international ausgreifende Sauerland-Kulturwochen von sich reden. Steigt man von hier zum Lennetal hinab, präsentiert sich gleich eine der zahlreichen Tropfsteinhöhlen des Sauerlandes, die Dechenhöhle bei Letmathe. Die größte dieser Kalksteinauswaschungen ist die drei Kilometer lange Atta-Höhle bei dem alten Städtchen Attendorn. Sie gilt als die schönste in Deutschland. Lüdenscheid, mit seinen 56000 Einwohnern heute die größte Stadt des Sauerlandes, heimelt durch die ringförmige Altstadt an. Die 700jährige Hansestadt ist der Mittelpunkt des märkischen Eisengewerbes. Wer städtischen Komfort und städtische Unterhaltungen nicht entbehren will, kann Lüdenscheid als Ausgangspunkt für eine reizvolle Umgebung wählen. Unmittelbar südlich der Stadt bietet sich, imposant von erhöhtem Standpunkt aus, der Stausee im Versetal dar: eine riesige Flußschleife, die eine große Waldzunge umfließt. Ein durch seine Barocktürme eindrucksvolles Beispiel für viele Wasserburgen ist nahe Lüdenscheid das Schloß Neuenhof.

Zwischen Ebbe- und Rothaargebirge führt durch das liebliche Lennetal die Straße über den Kreuzungspunkt Altenhundem nach Schmallenberg. Als „die Stadt auf dem schmalen Berge“ ist die kurkölnische Gründung, die bis heute nur 4000 Einwohner besitzt, seit 1243 bekannt. Schiefergedeckte Fachwerkhäuser, geschnitzte Türen und unter guten Gaststätten hervorragend als größte das Hotel Störmann, das blieb uns in angenehmer Erinnerung aus diesem Ort, der ein günstig gelegener Ausgangspunkt für Wanderungen im Hochsauerland ist. Wenige Kilometer entfernt zweigt in Fleckenberg eine steile Straße ab, die zu einem versteckten Waldidyll führt. Als „Jagdhaus Wiese“ ist das komfortable Hotel am 756 Meter hohen Härdler, obwohl die Landkarten den Flecken meistens verschweigen, anscheinend in rheinisch-westfälischen Kennerkreisen doch weithin bekannt. Die geschmackvollen Zimmer des auch in seinen Gasträumen weitläufigen Etablissements sind stets auf Monate hinaus bestellt.

Wer von Schmallenberg nach Winterberg hinauffahren will, kommt unterwegs noch einige Male in Versuchung, schon früher Station zu machen. Da liegt unten im Lennetal Oberkirchen. Fünf Täler stoßen hier zusammen. Selbst in der kahlen Jahreszeit sind die mannigfaltigen Wandermöglichkeiten nicht unter 14 Tagen zu erschöpfen. In Oberkirchen darf als Attraktion der „Gasthof Schütte“ hervorgehoben werden. Hinter der alten Fachwerkfassade hält sich ein auch für großstädtische Begriffe „erstes Haus“ mit 70 Betten verborgen. Der Fremde fühlt sich beim Eintritt sofort gefesselt durch den erlesenen Geschmack, mit dem hier landeseigene Bau- und Raumkultur und betriebliche Modernität zum Einklang gebracht worden sind. Und noch ein Abstecher vor Winterberg: Bald nach Schmallenberg steigt eine Straße zweiten Grades nach Fredeburg hinauf. Die Fachwerkbauten des alten Städtchens, von einer Burgruine überragt, laden zum Verweilen. Wer noch ein Stück weiterfährt, kommt an ein Ortsschild mit der Aufschrift Rimberg. Es ist ein kleiner Flecken mit einer großen Überraschung: das „Gasthaus Knoche“. Hier wohnt und ißt man gut, sehr gut. Hoch und doch geschützt am Bergeshang gelegen, ist es ein hervorragender unter vielen Plätzen im Sauerland: Insel behaglicher Gastlichkeit inmitten unverbildeter Natur, Ausgangspunkt für lange, abwechslungsreiche Herbstwanderungen und später ein Paradies für Skiläufer. Peter Johannsen