Der frühere stellvertretende Ministerpräsident der DDR und Vorsitzende der ostzonalen LDP, Professor Hermann Kastner, der zusammen mit seiner Ehefrau in den Westen geflüchtet ist, befindet sich bereits seit den ersten Septembertagen im Bundesgebiet. Erst am 18. Oktober aber drangen die fieberhaften Fahndungsmaßnahmen des ostzonalen Staatssicherheitsdienstes auch nach Westberlin.

Kastner hatte am 14. September 1956 vor zahlreichen geladenen Gästen in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des „Förderungsausschusses für die deutsche Intelligenz“ in der Zone eine große Rede halten sollen. Als er zu dieser Veranstaltung nicht erschien, begann eine große Suchaktion – bezeichnenderweise zunächst in den Gefängnissen des SSD und des sowjetischen MWD! Aber Kastner war mit seiner Ehefrau bereits in Westberlin angelangt. Als alle Nachforschungen und Rückfragen im östlichen Machtbereich ergebnislos blieben, mußte die SED einsehen, daß sich der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident in den Westen abgesetzt hatte.

Die Bundesrepublik hat Kastner einen kühlen Empfang bereitet. Das mag die ostzonalen Propagandaexperten wundern; hatten sie doch „ihre Überläufer“ John und Schmitt-Wittmack in großen Pressekonferenzen, Rundfunkansprachen und spaltenlangen Presseartikeln der Weltöffentlichkeit stolz vorgeführt. Warum bei uns diese Zurückhaltung gegenüber dem bisher prominentesten Ostzonenflüchtling, der doch eine Art Kronzeuge ist für die Unhaltbarkeit eines Regimes, mit dem Bonn nach Moskaus Willen unmittelbar über Deutschlands Zukunft verhandeln soll?

Stellt man diese Frage – und man muß es tun –, so rührt man an „das Dubiose in Herrn Kastner“, aber niemand hat sich der Mühe unterzogen, den Kern dieses Problems einmal zu analysieren. Sicherlich kann man Kastner vorwerfen, er habe durch seine unterwürfige Haltung den Sowjets und der SED gegenüber den „liberalen Gedanken“ in der DDR verkauft. Wenn aber Kastner darauf hinweist, daß es ihm besser erschienen sei, in der Zone des Unrechts auszuharren – gewiß, nicht als Widerstandskämpfer, aber doch als Sprecher einer Intelligenz, die in der Majorität nicht kommunistisch ist und nicht kommunistisch sein will –, dann läßt sich sicher, über diesen Standpunkt reden.

Der im Oktober 1886 in Berlin geborene Hermann Kastner hatte von 1917 bis 1922 der „Demokratischen Partei“ angehört. 1945 wurde er Mitbegründer der ostzonalen LDP. Er wurde sächsischer Justizminister und dann stellvertretender Ministerpräsident (von 1946 bis 1948). Nachdem sein Ausschluß aus der LDP (20. Juli 1950) und seine Abberufung als stellvertretender Ministerpräsident der DDR am 15. November 1950 erfolgt war, traten die Sowjets auf den Plan. Noch im Dezember 1950 ernannten sie Kastner zum Vorsitzenden des „Förderungsausschusses für die deutsche Intelligenz“.

Kastners sowjetische Gesprächspartner in jener Zeit waren in erster Linie der damalige Informationschef der sowjetischen Militäradministration, Generalmajor Sergej Tulpanow, und der heutige stellvertretende sowjetische Außenminister Wladimir Semjonow. Kastner sagt, er habe mit beiden sowjetischen Funktionären des öfteren über die Rolle der LDP gesprochen. Bis zuletzt sei ihm dabei immer wieder deutlich geworden, daß die Sowjets den Fortbestand „bürgerlicher Parteien“ in der DDR wünschen. Kastner führt das außergewöhnliche Interesse der Sowjets an seiner eigenen Person auf eben dieses Festhalten an „bürgerlichen Gegengewichten“ zurück.

Kastner hat bei seinem Übertritt nach Westberlin erklärt, er habe eine ernste Gefahr für Leib und Leben befürchten müssen. Die sofortige Nachsuche in den Gefängnissen der Sowjetzone scheint diese Angabe zu bestätigen. Es sei, so meinte er, offenbar beabsichtigt gewesen, ihn erneut zu politischer Aktivität im Rahmen des derzeitigen ostzonalen Regimes heranzuziehen. Für diese Annahme sprechen Informationen westlicher Dienste, die schon zuvor von einer beabsichtigten Ausweitung der Befugnisse Kastners berichtet haben.