Die politischen Auseinandersetzungen in den Ostblockstaaten und in Nordafrika, die Kommunalwahlen in der Bundesrepublik und die sich steigernden Lohnforderungen (verbunden mit Streiks) haben die Unternehmungslust in der vergangenen Woche an den Wertpapiermärkten dem Nullpunkt ziemlich nahegebracht. Aus den genannten Gründen konnte sich die Entspannung auf dem Geldmarkt nicht auswirken, zumal sich auch die Banken zurückhielten und nur zögernd das begrenzt anfallende Material aufnahmen. Auf diese Weise waren Kursabschläge in den meisten Hauptwerten des Aktienmarktes unvermeidlich. Das Interesse konzentrierte sich auf einige Sonderbewegungen, die jedoch die Gesamttendenz nicht beeinflußten. Am Rentenmarkt war eine gewisse Unsicherheit unverkennbar. Im Zeichen der Geldflüssigkeit wurden kurzfristige Länder- und Bundesanleihen gesucht, während die achtprozentigen Industrieanleihen eher angeboten waren. AmPfandbriefmarkt deutet sich ein Wachsen des Neugeschäfts an. Offensichtlich sind die Hoffnungen auf eine zusätzliche Förderung des Wertpapiersparens (über eine gleitende Höchstgrenze bei den Sonderausgaben) trotz der reichlich merkwürdigen negativen Abstimmung im Bundestagsausschusses für Finanzen noch nicht aufgegeben worden.

Der Markt für festverzinsliche Werte bekommt vorläufig keine Ruhe. Mit Schleswig-Holstein, wo eine Anleihe über 30 Mill. DM geplant wird, haben jetzt alle Bundesländer – mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen-Anleihepläne geäußert. Der Absatz bei der 7 1/2prozentigen Hamburger Staatsanleihe, die etwa zu 3/5 untergebracht ist, zeigt, wie wenig beliebt die Länderanleihen zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind. Da sich die Banken geeinigt haben, nur jeweils eine Länderanleihe zur Zeichnung aufliegen zu haben, müssen die Termine für die nach Hamburg kommenden Emissionen ständig verschoben werden. Mit der achtprozentigen Hoesch-Anleihe ist in diesen Tagen zu rechnen. Ihr Ausgabekurs liegt noch nicht fest. Zur Debatte stehen 99 oder 100 v. H. (Boschtyp: 98 v. H.). Außerdem haben die Didier-Werke AG eine Anleihe angekündigt. Nach dem Wunsch der Gesellschaft soll sie mit einem Zinsfuß von 8 v. H. ausgestattet werden, doch versucht das Bundeswirtschaftsministerium diesen Satz zu drücken, um „das allgemeine Zinsniveau“ zu senken. Ein Versuch an einem nicht ganz tauglichen Objekt!

Zu einer interessanten Bewegung kam es bei den Reichsbank-Anteilen. Mitte Oktober notierten sie noch mit 60 1/2, am 25. Oktober stiegen sie bei großen Umsätzen bis 66 1/2 und fielen nach der Reichsbank-HV wieder bis 63 1/4 zurück. Hier spiegeln sich Hoffnungen und Enttäuschung in der immer noch nicht bereinigten Abfindungsfrage wider. Am Bankenmarkt fielen weiter die rückläufigen Kurse der Dresdner Bank-Gruppe auf, die nach der vorübergehenden Aufwärtsbewegung etwa auf ihren Ausgangspunkt zurückgefallen sind. Offenbar haben sich die Erwartungen auf eine zweite Kapitalerhöhung als verfrüht erwiesen. Sie soll vor dem Wiederzusammenschluß nicht in Aussicht stehen. Bei den Commerzbank-Nachfolgern bahnt sich eine Nivellierung der Kurse an. Nur die Commerz- und Disc.-Bank wird zur Zeit noch etwas, höher bewertet als das Frankfurter und Düsseldorfer Schwesterinstitut.

Elektrowerke litten unter ständigen Abgaben. Bedenklich stimmte die Nachricht, daß in der Elektroindustrie im ersten Halbjahr 1956 die Umsatzzunahme 19 v. H. betrug, während sie im Vorjahr 30 v. H. ausmachte. Das AEG-Bezugsrecht wird am 6. bis 8. November an den Börsen gehandelt. Beim heutigen Kurs von 208 bis 209 v. H. errechnet sich der Wert mit 26 v. H. Damit würde eine junge Aktie 178 v. H. kosten; die jungen Siemens-Aktien werden mit 188 1/4 v. H. notiert. Bei den IG-Farben-Nachfolger kam es zu Auslandsabgaben. Die Kurse waren nur knapp gehalten. Anders stand es dagegen bei den IG-Farben-Liquis. Die Ereignisse in den Ostblockländern haben das Interesse auf dieses Papier gelenkt, das in namhaften Beträgen umging und mit 34 1/2 bis 37 v. H. ziemlich fest lag. Daran vermochte auch die sowjetische Deutschland-Note nichts zu ändern, die für eine rasche Wiedervereinigung wenig Hoffnung läßt. Aufmerksamkeit fand übrigens noch ein weiteres’ Liquidationspapier, nämlich das der Vereinigten Stahlwerke, in dem der Anspruch auf in Österreich enteignete Vermögenswerte des Stahlvereins enthalten ist. Hier schwankte der Kurs zwischen 5 1/2 und 6 v. H. Anlaß der Käufe waren gewisse Hoffnungen, die auf den Besuch des österreichischen Bundeskanzlers in Bonn gesetzt wurden. Auf längere Sicht gesehen rechnet man damit, daß sich auch in der Freigabe der größeren deutschen Vermögen ein Kompromiß erzielen läßt.

Am Montanmarkt setzten Handelsunion hinter ihrer scharfen Aufwärtsbewegung, die auf Interessenkäufe zurückgeht, einen zumindest vorläufigen Schlußpunkt. Seit dem 3. September war der Kurs von 229 auf 270 v. H. gestiegen, jetzt fiel er wieder auf 260 v.H. zurück. Die Gesellschaft hat auf den 29. November eine ao HV einberufen. Sie soll nach Ansicht von Börsenkreisen der Vorbereitung für eine Angliederung an die Aug. Thyssenhütte oder die Rheinischen Stahlwerke dienen. In Banckreisen rechnet man mit einer Dividende von 12 v. H. für das Geschäftsjahr 1955/56. Bei der Zeche Erin haben die Arrondierungskäufe ebenfalls ausgesetzt, so daß hier eine spürbare Abschwächung eintrat. Das gleiche gilt für die Hüttenwerke Siegerland, deren Aktien bis 250 heraufgesetzt wurden und zum Wochenschluß auf 240 reduziert waren. -ndt.