Zu hunderttausend auf dem Rudolph-Milde-Platz versammelten Berlinern sprach Franz Neumann über die gefährdete Lage Berlins. Die ungeduldige Menge aber rief: „Ungarn! Ungarn!“ Neumanns Rede ging fast im Tumult unter. Erst als Ernst Lemmer diesen Wunsch erfüllte, beruhigte sich die Menge. Als kein Redner mehr erschien, rief ein junger Mann: „Zum Brandenburger Tor!“ Zehntausende setzten sich mit dem Ruf „Russen hinaus!“ in Bewegung. Dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Willy Brandt, gelang es in letzter Minute, Unheil zu verhüten. Er gab die Parole aus: „Zum Denkmal der Opfer des Stalinismus am Steinplatz!“ Das taten viele, aber die Mehrheit marschierte mit Fackeln zum Brandenburger Tor und stimmte das Lied vom guten Kameraden an. Brandt sprach noch einmal am Brandenburger Tor und verhütete Unbesonnenheiten. Berlin wird ihm dankbar sein. Aber es kann auch stolz sein, daß Ungarns Schicksal seinen Bewohnern mehr zu Herzen ging als ihre eigenen Nöte. Bd