Was die Jugend tut, oder auch, was sie nicht tut, das zählte und zählt auch heute zu den beliebten Themen der Erwachsenen. Doch wird diese Diskussion meist nicht so geführt, wie sie wohl geführt werden sollte, nämlich: nüchtern und verständnisvoll. Sie ist meistens bis zum Rande belastet mit Vorurteilen, mit Übertreibungen und mit einem nicht geringen Quantum an Selbstgerechtigkeit

Um so mehr horcht man auf, vernimmt man im Chor derjenigen, die sich mit der Jugend von heute beschäftigen, einmal eine Stimme, in der sogar keine Empörung mitschwingt, die nur von Tatsachen spricht und die frei ist von Selbstgerechtigkeit. Eine solche Stimme war die Sendung, die der Westdeutsche Rundfunk am 19. Dezember von 19.45 bis 20.45 Uhr unter dem Titel Von der Schule in die Freizeit ausstrahlte (Manuskript: Dorothea. Gronenberg und Paul Eckhard). In diesem Hörbild über die Interessen schulentlassener Jugendlicher (in der Altersspanne von 14 bis 20 Jahren) wurden Ergebnisse sorgfältiger Befragungen in den drei westdeutschen Großstädten Köln, Dortmund und Recklinghausen wiedergegeben, durchleuchtet und schließlich als Fragen an die Erwachsenen gerichtet.

Daß es zu nichts führt, entrüsteten Alarm zu schlagen über Formen jugendlicher „Freizeitgestaltung“, die vielen Erwachsenen fremd und sogar lästig sind – das müßte jedem aufmerksamen Hörer dieser Sendung klargeworden sein. Wie steht es beispielsweise mit der (für den Hörnerv vieler Menschen sicher oft strapaziösen) Motorradleidenschaft der männlichen Teenager? In der Sendung hieß es: „Man beobachte einmal die fast zärtliche Geduld, die ein solcher Junge bei der Reparatur seiner Maschine aufwendet.“ Oder: Unter der Oberfläche steckt hier ein Ventil: wer den ganzen Tag beherrscht wird, findet einen Ausgleich in der Beherrschung der Maschine. Sicher, man kann über solcherlei Deutungen streiten. Aber ganz sicher sind sie besser, als jede gereizte und kategorische Verdammung der „blödsinnigen Knatterei“.

Bei der Jazz-Leidenschaft liegen die Dinge ähnlich, vielleicht auch beim Massensport. Doch schon hier zeigt sich, was in dieser Sendung nicht ausgesprochen wurde, was man aber wohl doch nicht übersehen darf: daß das Freizeitverhalten unserer Jugendlichen in seiner Struktur gar nicht so sehr abweicht von dem der Erwachsenen. Wollte man ein umfassendes Schlagwort dafür angeben, dann könnte man nur dieses wählen: Konformität. Einer tut, was alle tun. Abweichungen sind selten. „Es geht die Sage“, so hört man die Stimme eines Jungen aus einem Lehrlingsheim, „daß hier mal einer war, der gezeichnet hat!“

Schade war, daß diese Stimme, daß alle (oder doch die meisten) Stimmen dieser Sendung – Schauspielerstimmen waren. Die Interviews waren sicher einmal so, wie man sie hörte, abgelaufen,doch wurden sie hinterher dann noch einmal reproduziert. Das störte nicht wenig die Authentizität dieser Sendung, die einen Schluß hatte, den es wiederzugeben lohnt: „Um hoffnungslos zu sein, ist die heutige Jugend viel zu vital. Da liegen gewaltige Kräfte noch ungenutzt; ein großes Brachfeld gilt es zu beackern!“ Aber die Empörung, könnte man hinzufügen, ist ein schlechter Pflug. G.

Wir werden sehen:

Freitag, 28. Dezember, 20.30 Uhr: „Jahresrückblick 1956.“