Die italienische Roman-Literatur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist bei uns kaum bekannt. Selbst von Manzonis bedeutendem Werk, „Die Verlobten“, das Goethe besonders schätzte, wissen nur wenige. Balzacs und Stendhals analytisch schärfere gesellschaftskritische Romane haben das breit ausmalende Epos des Italieners überschattet. Manzoni, so schien es, war ein Ende, kein Beginn. Um so überraschender ist es, in Ippolito Nievo einem Erzähler höchsten Ranges zu begegnen, der als legitimer Nachfolger Manzonis gelten kann:

Ippolito Nievo: „Pisana oder die Bekenntnisse eines Achtzigjährigen“, im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 972 S., 19,80 DM

Der Form nach ist das (von Charlotte Birnbaum hervorragend übersetzte) Buch ein Bekenntnisroman, ein vom Daseinsschmerz überglänzten Rückblick auf das heiß ergriffene, verschwendete und verlorene Leben, ganz im Stil und im Gefühlston der Spätromantik. Doch schon die Tatsache, daß ein Siebenundzwanzigjähriger diese „Erinnerungen“ schrieb und dabei um ein halbes Jahrhundert Vorgriff, gibt dem Werk einen besonderen Charakter. Nievo, der kurz darauf bei Garibaldis Zug nach Sizilien umkam, war ein früh Enttäuschter, dessen Zweifel an dem Sinn der Welt aus tieferen Schichten stammten als aus der persönlichen Erfahrung einer unglücklichen Liebe. Wohl muß er in dem wilden, treulosen Geschöpf Pisana sein Schicksal, gefunden und erkannt haben, aber in dieser tragischen, meisterhaft geschilderten Beziehung zwischen der Aristokratentochter und dem Jüngling aus dem Volk spiegelt sich die öde Leere eines ganzen Zeitalters. Der Zusammenbruch der französischen Revolution, das Versanden großer Ideen im Einerlei einer platten Machtpolitik und der Verlust jeder gläubigen Gewißheit bestimmen das Thema des Romans und geben ihm die perspektivische Tiefe. Im originalen Titel kommt der Name Pisana nicht vor; sein Zusatz ist eine unnötige Konzession an das Unterhaltungsbedürfnis des Lesers; trotz ihrer fast Strindbergischen „Interessantheit“ ist nicht Pisana die Hauptfigur, sondern der Erzähler, der mitten im Leben einem Gespenst begegnet: dem Gespenst der Vergeblichkeit aller menschlichen Hoffnungen.

So scheint das Werk, wie es sich für „Erinnerungen“ geziemt, in seiner „Stimmung“ an die eigene Zeit gebunden zu sein, aber dem Stoff und Geist nach reicht es weit darüber hinaus. Die achtzig Jahre, von denen es berichtet, beginnen mit dem Aufstieg Napoleons und enden – nun, sind sie heute zu Ende? Nievos Epoche gleicht der unseren, sein Gram über die Ausbeutung menschheitsbeglückender Programme durch kleine und große Gewalthaber ist dem unseren verwandt. Das gibt den „Bekenntnissen“ eine erregende Aktualität.

Doch hätte die Parallele nur historisches Interesse, wenn Nievo nicht ein Dichter wäre, der jede einzelne Gestalt seines figurenreichen Romans mit prallem Leben erfüllen kann. Besonders gelungen sind die Vertreter einer untergehenden Feudalschicht, ein engstirniger, tyrannischer, aber innerlich vor Angst schlotternder Graf und seine eitle, ältliche Frau, auf deren Burg der Erzähler aufwächst; das servile Gesinde, die öligen Pater, die rohen Knechte; vor allem aber die zügellose Tochter des gräflichen Paares, jene Pisana, die unglücklich Zerrissene, der Nievos Liebe – und sein ganzes Mitleid gehört.

Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man Pisana dengrößten Schöpfungen der epischen Dichtung zurechnet. Sie könnte von Dostojewskij erfunden sein, dessen unvergeßliche vor Frigidität fiebernde Frauengestalten sie vorwegnimmt. Jeder einzelne Wesenszug dieser ruhelosen, zur Liebe unfähigen, sich selbst verzehrenden Natur ist mit so bewundernswertender Beobachtungsgabe wiedergegeben, daß kein moderner Psychologe ein besseres Bild des narzißtischen Charakters entwerfen könnte. Die Sehnsucht, geliebt zu sein, fesselt sie an den Erzähler; was Pisana will, ist eine Bestätigung ihres bei allem Ungestüm höchst unsicheren Selbst – und gerade darum kann sie dieses „Selbst“ nicht hergeben. Noch als es mit ihr zu Ende geht, zwingt sie ihren Carlino, wie Nievo sich in dieser „Beichte“ nennt, ihr die Tiefe seiner Leidenschaft zu beweisen – und nach ihrem Tode scheint dem Manne die Welt leer, das Leben nicht mehr lebenswert.

Pisanas Gestalt ist zu übermächtig für eine bloße Episode; nicht immer ist es Nievo geglückt, sie in eine Distanz zu rücken, wie der weite Zeithorizont des Buches sie verlangt. Dafür entschädigen einige Kapitel mehr betrachtender Art, in denen die Händel und Wirren der vergeblichen Freiheitskämpfe, die Flucht des Erzählers nach dem England Lord Byrons und seine Teilnahme am Eroberungszug Bolivars geschildert werden. Diese Abschnitte sind erfüllt von einer weisen, ganz undoktrinären Lebensphilosophie, der jede Aggressivität und zumal der enge Rationalismus des französischen Gesellschaftsromans fehlen. Statt dessen erfreut man sich an der schönsten Gabe der italienischen Kunst – dem ruhigen, unbeirrbaren Blick für das Menschliche in seiner Schwäche und seiner Größe, der heiligen Nüchternheit des Stils und der sanften Melancholie, die der Eigenliebe, der Selbstbespiegelung und der absoluten Verzweiflung des modernen „Cartesischen“ Bekenntnisromans weit entrückt ist. Erich Franzen