Hand an der Weiche
/ Von G. v. Uexküll
Wie wenige Schritte uns im vorigen Herbst vom Abgrund eines Atomkrieges trennten – wer weiß es schon und wer denkt noch daran? Vergessen sind die sowjetischen Unterseeboote, die unterwegs waren nach Port Said; vergessen die aufgetankten Düsenbomber sowjetischen Ursprungs in Syrien; vergessen – oder nie bekanntgeworden – sind die sowjetischen Truppenbewegungen während der kritischen Novembertage in Mecklenburg und Thüringen. Was wäre geschehen, wenn die Engländer und Franzosen ihren Vormarsch in Ägypten nicht abgebrochen, wenn Bulganin seine „Raketendrohung“ wahrgemacht und wenn die sowjetischen Truppen in Mitteldeutschland westwärts marschiert wären? Kein westlicher General kann auf diese Frage eine sowohl ehrliche wie beruhigende Antwort geben.
In diesen Tagen unterzieht sich die wehrpflichtige Jugend der Bundesrepublik den Unbequemlichkeiten der Musterung zum Wehrdienst. Diese Bereitschaft der Jungen verpflichtet uns Ältere. Verpflichtet zum Nachdenken über die Gefahren, denen wir eben erst entronnen sind und die schon morgen von neuem über uns hereinbrechen können. Verpflichtet zum mutigen Eingestehen der Mängel des bisher im Westen auf militärischem Gebiet Unternommenen und Geplanten. Denn eines wird uns die jetzt zu den Fahnen gerufene bundesdeutsche Jugend bestimmt nicht verzeihen: den Versuch, ihr etwas vorzumachen!
Schenken wir ihr daher klaren Wein ein sowohl über die Lücken in der westlichen Verteidigung wie über die Mängel unserer strategischen Grundvorstellungen. Lücken und Mängel, die weder mit großen Worten von „massiver Vergeltung“ noch mit immer größeren und schrecklicheren Bomben, noch mit „zwölf deutschen Divisionen“ geheilt werden können.
Es ist für den Westen sicherlich erfreulich, zu wissen, daß amerikanische Düsenbomber in 45 Stunden ohne Zwischenlandung den Erdball umfliegen und unterwegs jeden beliebigen Punkt mit, Wasserstoffbomben ausradieren können. Aber sehr wahrscheinlich können sowjetische Langstreckenbomber das eines Tages auch; ja, vielleicht besitzen die Sowjets schon seit Monaten Langstreckenraketen, die jeden, auch den besten Stratobomber zum Museumsstück machen. Wahrscheinlich, daß auch die Amerikaner heute schon solche Raketen haben und daß sich auf diesem Gebiet die Mittel zum gegenseitigen Selbstmord die Waage halten. Und während die apokalyptischen Reiter, ausgerüstet mit Fernraketen und Wasserstoffbomben, ungeduldig auf ihr Startsignal warten, machen unsere Rekruten rechts um, links um und „kloppen Griffe“ auf dem Kasernenhof ...
Kein Wort gegen das „Griffe kloppen“! Im Gegenteil! Solange die Menschen keine Engel sind und nicht ganz und gar auf den Krieg verzichten, sind die Griffe zur Beherrschung der „konventionellen Waffen“ unsere letzte Hoffnung. Aber darüber hinaus brauchen wir dringend die Waffe des gesunden Menschenverstandes gegen den Wahnsinn eines Atomkrieges. Mit der Abschreckung ist es nicht getan; denn die apokalyptischen Reiter lassen sich nicht erschrecken. Sind sie doch selbst der Inbegriff allen Schreckens! Man kann ihnen jedoch den Weg zu den Gefilden verbauen, in denen Menschen leben, die, wenn sie klug sind, diese Erde noch immer lieben und dieses Leben noch immer lebenswert finden.
Ein guter Anfang hierzu wäre ein internationales Abkommen, die Kernenergie für den friedlichen Gebrauch zu reservieren und die Rüstungen auf das konventionelle Maß zurückzuschrauben. Zwei Einwände werden hiergegen geltend gemacht. Erstens: Wer garantiert uns, daß die Sowjets ein solches Abkommen halten? Zweitens: Der Westen ist auf dem Gebiet der konventionellen Rüstungen zu schwach, als daß er auf die Kernwaffen verzichten könnte. Beide Einwände lassen sich belegen und – widerlegen.



