Weder bei der Industrieproduktion noch bei der Energieerzeugung hat bislang die Frage eine nennenswerte Rolle gespielt, die jetzt bei der friedlichen Verwertung der Atomenergie auftaucht: Was fangen wir mit den radioaktiven Abfallprodukten an? Diese Substanzen und die damit verseuchten Gegenstände behalten Hunderte, ja Tausende von Jahren ihre fatale, alles Leben schädigende, wenn nicht gar abtötende Strahlungskraft.

Daß man diese Höllenstoffe also an irgendeinen Ort abschieben muß, wo sie kein Unheil mehr anrichten können – darüber sind sich alle Wissenschaftler einig. Gar nicht einig sind sie sich indessen darüber, wo sich in unserer klein gewordenen Welt solche atomischen Müllgruben wohl finden lassen. Daher ist man beispielsweise in den Vereinigten Staaten dazu übergegangen, radioaktiv verseuchte Gegenstände (etwa unbrauchbar gewordene Maschinenteile aus Reaktoren) unter dicken Bleiplatten an Ort und Stelle zu „begraben“. Daß das – gerade im Hinblick auf eine sich immer mehr ausbreitende Atomwirtschaft und vor allem auch auf europäische Raumverhältnisse – kaum eine Dauerlösung sein kann, leuchtet ein.

So gewinnt ein Plan höchst aktuelle Bedeutung, der kürzlich von dem Münchener Ingenieur Bernhard Philberth ausgearbeitet wurde und den inzwischen die Experten im Bonner Atomministerium unter ihre kritische Lupe genommen haben. Will man die radioaktiven Abfallsubstanzen und die verseuchten Gegenstände auf hinreichend lange Zeit aus dem allgemeinen Materialkreislauf ausscheiden, dann kann man das, behauptet Philberth, nicht wirkungsvoller erreichen als dadurch, daß man sie in das Grönland- oder-Südpolareis einsenkt. Er geht dabei von der den Wissenschaftlern bekannten Erscheinung aus, daß – eine zu einer bestimmten Zeit an der Eisoberfläche befindliche Eisstelle allmählich immer tiefer einsinkt. Legt man also den Atommüll solcherart „auf Eis“ (dabei genügen schon Einschlagtiefen, wie sie bei Abwürfen aus der Luft in die starken Schnee- und Firnschichten des Zentraleises entstehen), dann, wird er im Laufe der Zeit von immer größeren Eismassen umschlossen und so lange festgehalten, bis er auf den Boden durchgesunken oder zum Rande abgewandert ist. Nach Philberths Berechnung würden rund 30 000 Jahre vergehen, bis die auf diese Weise eingekerkerten atomarischen Abfallsubstanzen wieder in den Kreislauf zurückkehren könnten – ein Zeitraum, in dem bei der Mehrzahl der radioaktiven Stoffe die Strahlungskraft entweder erloschen oder auf einen ungefährlichen Bruchteil zerfallen ist. H. G.