Hat Erhard recht?
Von Karl Blessing
Schon einmal, im Mai 1956, hat Professor Erhard eine große Kampagne gegen die steigenden Preise geführt. Dann war es fast ein Jahr lang still und nun beherrscht wieder das Stichwort „Preise“ alle Diskussionen. Wir haben Karl Blessing – früher Mitglied des Reichsbankdirektoriums, heute Vorstandsmitglied der Margarine-Union AG – gebeten, wieder, wie damals, die schwer überschaubaren Zusammenhänge für uns zu analysieren. Blessing stellt in bewährter Klarheit den Unterschied zwischen dem Investitionsboom von damals und der Massenkaufkraft-Konjunktur von heute dar. Es sei grotesk, daß Regierung und Parlament den Geldhahn aufdrehen und dann, über die Folgen dieser Maßnahmen verwundert, Unternehmen und Gewerkschaften zum Maßhalten ermahnen.
Als Ritter ohne Furcht und Tadel zieht der Bundeswirtschaftsminister durch die Lande und beschwört Gewerkschaften und Unternehmer, in den Löhnen und Preisen maßzuhalten. Mit drohendem Unterton spricht er davon, daß er, wenn nötig, lieber die Konjunktur zerschlagen als einen weiteren Preisauftrieb zulassen werde. Sind die Dinge wirklich so alarmierend, wie sie Erhard darstellt?
Das konjunkturelle Klima hat sich gegenüber dem Frühjahr 1956, als die Konjunkturdebatte ihrem Höhepunkt zustrebte, erheblich verändert. Lag der Konjunkturakzent damals auf der Investitionsseite, so liegt er heute eindeutig auf der Konsumseite. Die Investitionstätigkeit stagniert oder ist rückläufig, der Baumarkt ist abgeschwächt, die Bestellungen an Investitionsgütern fürs Inland liegen unter Vorjahrshöhe, der Arbeitsmarkt zeigt – wenn auch regional und von Branche zu Branche verschieden – Zeichen der Entspannung. Von einer Überhitzung im Bereich der Investitionen kann nicht mehr gesprochen werden.
Ganz anders liegen die Dinge auf der Verbrauchsgüterseite. Die Steigerung der Massenkaufkraft durch die Erhöhung der Lohn-, Gehalts- und Rentenbezüge hat zu einer Verbrauchsgüter-Konjunktur geführt, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Die Umsätze im Einzelhandel liegen etwa 10% über Vorjahrshöhe. Dabei ist die Entwicklung noch nicht zu Ende. Die Lohn- und Gehaltserhöhungen gehen weiter, und vor allem wird die Durchführung des neuen Rentengesetzes stoßartig eine zusätzliche Verbrauchsgüternachfrage in Milliardenhöhe auslösen.
Die erhöhte Massenkaufkraft konnte nicht ohne Einfluß auf die Preise bleiben. Der Lebenshaltungsindex (1950 = 100) stieg von 108 in 1954 auf 110 in 1955, 113 in 1956 und 114 im Januar 1957. Für sich betrachtet ist das Ausmaß der bisherigen Preissteigerung nicht alarmierend. Alarmierend ist aber, daß der aufsteigende Preistrend seit 1954 kontinuierlich anhält und daß alle Anzeichen für eine weitere Erhöhung der Verbrauchsnachfrage und damit für einen weiteren Preisauftrieb sprechen.
Produktivitätssteigerung und Lohnerhöhung klaffen immer stärker auseinander. Die Produktivitätssteigerung je Erwerbstätigen in der Wirtschaft hat 1956: 3,2 % betragen, gegenüber 6,2% 1955, die Löhne und Gehälter sind jedoch um 7,1% gegenüber 6,9% gestiegen. Während die Lohn- und Gehaltsforderungen weitergehen, verlangsamt sich die Produktivitätssteigerung immer mehr. Diese Tendenz wird vermutlich anhalten, weil die Investitionen wegen der zu geringen Sparquote und der desolaten Zustände am Kapitalmarkt eher zurückgehen. Da die Investition von heute die Produktion von morgen ist, droht das schon jetzt bestehende Mißverhältnis zwischen der Massenkaufkraft und ihrer gütermäßigen Deckung noch größer zu werden. Der Versuch, dem vorhandenen Produktionsapparat durch eine fortgesetzte Steigerung der Massenkaufkraft zuviel abzuverlangen, muß unweigerlich zu einem weiteren Preisauftrieb führen, es sei denn, daß die Importe ganz erheblich gesteigert werden. Während es das Gebot der Stunde wäre, zu sparen und zu investieren, um am Ende mehr zu produzieren, sind wir in einen Konsumrausch verfallen, der eines Tages im Katzenjammer enden muß.






