Streikgrund: Schlechtes Betriebsklima

Der Ausstand der englischen Metallund Werftarbeiter hätte vermieden werden können London, im April

Über Großbritannien ist gegenwärtig eine Reihe ernster wirtschaftlicher Schwierigkeiten hereingebrochen. Allgemein scheint man sich darüber einig zu sein, daß die jüngsten Stufen in der Pfundabwertung — heute kann man für ein Pfund nur noch halb soviel kaufen wie vor 20 Jahren — .im wesentlichen den Lohnerhöhungen zuzuschreiben sind. (Rund jedes zweite Pfund, das heute verdient wird, steckt in England in einer Wochenlohntüte.) In der vergangenen Woche veröffentlichte die Regierung ihren jährlichen Wirtschaftsüberblick. Daraus geht hervor, daß -während des letztenjahr.es die Wochenlöhne um. 9 v. H., die Produktionszahlen jedoch nur um 3 und die Preise um 4 v. H. angestiegen sind.

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Bis hin zum Gewerkschaftskongreß im September 1955 hatten die Führer der etwa neun Millionen Mitglieder zählenden Gewerkschaftsbewegung einen freiwilligen Lohnstop befürwortet (während ja unter der Labour-Regierung bis 1948 ein gesetzlicher Lohnstop bestanden hatte). Seitdem sind jedoch die Gewerkschaften immer aggressiver geworden. So werfen sie der Regierung vor, daß durch eine verfehlte Wirtschaftspolitik — wie etwa die Senkung der Einkommensteuer im Interesse der Mittelund Oberschicht — die Lebenshaltungskosten angestiegen seien. Dies und die wachsende Furcht ihrer Mitglieder, durch die Automatisierung arbeitslos zu werden, macht es den Gewerkschaften zur Zeit unmöglich, sich für Mäßigung oder gar freiwilligen Lohnstop einzusetzen.

Zusammen mit seinem Schatzkanzler MacMillan setzte sich im vergangenen Jahr der damalige Ministerpräsident Eden mehrfach mit Unternehmern und Gewerkschaftsführern zusammen und bat sie dringend, gemeinsam zu versuchen, wenigstens für sine kurze Zeit Löhne und Preise stabil zu halten. Die Arbeitgeber bemühten sich auch im großen und ganzen, dieser Bitte der Regierung zu entsprechen. Die Gewerkschaften jedoch haben Zusicherungen in dieser Richtung nie gegeben, so daß man ihnen fairerweise keinen Wortbruch vorwerfen kann."

Als im März 1956 die Werftarbeiter — rund 200 000 Gewerkschaftsmitglieder — eine zehnprozentige Lohnerhöhung forderten, lehnten es die Unternehmer strikt ab, ein solches Ansinnen auch nur zu diskutieren: „Wir können nicht einen einzigen Penny mehr zahlen!" Und etwa das gleiche mußte sich zur selben Zeit die Metallarbeiter- Gewerkschaft (rund 1,5 Millionen Mitglieder) von hren Unternehmern sagen lassen. Nun wurden die Arbeitgeber vollends bockbeinig. Monatelang lag seitdem ein Streik in der Luft.

Gefahr ist noch nicht vorüber

Als es dann im vergangenen Monat endlich ;oweit war, erklärten sich buchstäblich in letzter Minute die Arbeitgeber zu Verhandlungen mit den Gewerkschaftlern bereit. Sie folgten damit einem A.ppell des Arbeitsministers an beide Parteien, doch loch einmal zu versuchen, sich gütlich zu einigen. Die Gewerkschaften jedoch bliesen den Streik nicht Mehr ab. Sie betonten, daß es vielleicht niemals iberhaupt nur zu einer Streikandrohung geiommen wäre, wenn die Unternehmer zu irgendeinem Zeitpunkt während der letzten elf Monate hre Bereitschaft zu einem Gespräch gezeigt hätten. Überdies, so argumentieren die Gewerkschaftler (veiter, hätte man auf der Arbeitgeberseite ja deutich genug zum Ausdruck gebracht, daß es nicht nöglich sei, auch nur einen einzigen Penny mehr zu zahlen. Den Werftarbeitern schlössen sich mehr als eine Million Metallarbeiter an. Inzwischen sind die Streiks vorübergehend ausgesetzt (nicht abgeblasen!), um das Urteil eines Schiedsgerichtes abzuwarten.

Es ist sehr aufschlußreich, sich die Haltung der beiden Parteien in dieser Auseinandersetzung einmal näher anzusehen. Man kann dabei ungefähr einen Eindruck von den Beziehungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaft gewinnen.

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  • Von Kenneth Harris
  • Datum 24.7.2008 - 04:20 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 11.04.1957 Nr. 15
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