Klein von Gestalt, aber mit hellen, verschmitzt blickenden Augen, lebhaft in der Bewegung und doch ruhig, gesammelt ohne gespannt zu sein, selbstverständlich in Geste und Ausdruck, aber nie lässig: Wilhelm Lehmann, einer der bedeutendsten lebenden deutschen Dichter, wurde 75 Jahre alt. Dieser niemals flache, nie der billigen Effekthascherei nachgebende Lyriker, der in Ton und Lebensanschauung so ursprünglich deutsch ist, dieser Mann sagt heute: „Ich habe darunter gelitten, in meinen besten Jahren kaum gelesen zu werden.“ Pardon, daß wir dem Jubilar da widersprechen: heute wird er gelesen und heute sind seine besten Jahre.

Wie faßt man in unserer Zeit den Dichter? Ist ein Mann, der Verse macht, in der Zeit der Wasserstoffbombe und der Überschallgeschwindigkeit nicht ein Fabeltier? Was soll die verdichtete Aussage des Wortes in unserem Alltag? Als Goethe seinen Werther schrieb (das Werk mag als Beispiel hier herangezogen sein – denn wenn es Prosa war, so war es doch eine lyrische Prosa), da suchten unglücklich Liebende in Deutschland den Freitod, so daß in mehreren Landen das Buch – nicht ganz zu Unrecht – verboten werden mußte. Nun soll hier gewiß nicht verlangt werden, daß sich irgendein Leser Wilhelm Lehmanns nach der Lektüre seiner Gedichte erschießt (dieser Dichter verlangt das auch gar nicht), aber es soll doch die Frage gestellt werden: Hat denn ein Mann, der abseits der großen Welt bei Eckernförde wohnt und Verse schmiedet, überhaupt noch einen Einfluß auf unser Leben?

Diese Frage ist nicht so oberflächlich, wie sie scheinen mag. Denn Dichtung, auch die abseitige, muß Bezug zum Leben haben, muß von ihm beeinflußt werden und gewisse Ausstrahlungen von sich aus wieder in das Leben schicken. Ist das nicht der Fall, so verkümmert sie, wird plötzlich nicht mehr verdichteter, sondern verdünnter Sprachprozeß, hölzern, kunstgewerblich, unwichtig. Was soll ein Gedicht wie dieses:

Vor hundert Jahren suchte ich die schöne Magelone.

Sie liebte mich, ich war ihr gut genug.

Vor hundert Jahren, als mein Fuß mich schwebend trug.

Ich bin in Solothurn.Frag ich, ob sie hier wohne?