Man muß nicht dem 19. Jahrhundert angehören, das die Bärte liebte und die mit vierzig Jahren einsetzende Seriosität, um 17- oder 18jährigen Buchautoren gegenüber ein wenig vorsichtig zu sein. Aber da wir längst nicht mehr nur im Jahrhundert des Kindes leben, sondern eher in Jahrzehnten des Kindischen, da sich bei uns die erwachsensten Menschen am Infantilen berauschen, steht nicht zu erwarten, daß die Reihe jungfräulicher Offenbarungen, die durch der Sagan „Bon jour, tristesse“ begannen, mit

Pamela Moores „Cocktails zum Frühstück“, Roman. Aus dem Amerikanischen übertragen von Ernst Laue. Bei Kurt Desch in München; 356 S., 12,60 DM,

schon beendet wird. – Also Pamela Moore: 18 Jahre war unsere Autorin alt, als sie zur Feder griff; sie schrieb das Buch für ihre Frau Mutter, die (wenn man dem Roman einmal autobiographische Züge attestiert, was gewiß richtig ist) eine nicht eben sehr erfolgreiche Hollywood-Schauspielerin ist. Der einstige Glanz, der auf diesen „Versager“ (nennt man das nicht heute so?) fällt, ist eine gewisse temperierte Anhänglichkeit der Tochter, die der Mutter ähnelt wie eine jüngere Schwester – mit dem einen, gravierenden Unterschied allerdings, daß sie ihre Illusionen nicht teilt.

Das Buch ist die Geschichte dieser beiden Menschen, die kontaktlos sind – der geschiedene Vater darf nur noch ab und zu ein Abendessen bezahlen, um sich von der Tochter dabei vorhalten zu lassen, welche Null er ist – die niemanden lieben können, noch nicht einmal sich selbst. Als die Mutter nach New York übersiedelt, gerät die Tochter in eine Crew Gleich-, und das heißt in diesem Fall Nichts-Gesinnter, mit denen sie das Trinken und das Lieben anfängt, das ihr jedoch beides nicht die wohl gar nicht mehr erwünschte Erlösung bringt.

Ich kann nicht beurteilen, ob Pamela Moore mit diesem Buch ein „schonungsloses Bild ihrer Generation zeichnet“, wie es im Klappentext heißt. Ich kann nur sagen, daß ich dieses Buch für außerordentlich langweilig halte, weil die in ihm auftretenden Personen wirklich ganz langweilige Menschen sind. Langeweile kann etwas Tragisches, ja Tödliches haben, und der Mensch, der von ihr bedroht wird, verdient unser Mitleid und unsere Hilfe. Ein Stück solcher Langeweile bedroht die „Helden“ der Françoise Sagan; und das macht die Bücher der jungen Französin, trotz mancher Manieriertheit und vieler eiskalt kalkulierter Effekthaschereien, lesenswert: überall zwischen ihren Zeilen spürt man, wie sich solch gefährliche Langeweile in echter Melancholie niederschlägt.

Aber hier? Diese junge Amerikanerin Maureen, die erst auf dem Pensionat, dann in Beverly Hills und schließlich in New York vegetiert, hat nie vorher gelebt, sie vermißt zuwenig (im Gegensatz Zur jungen Französin, die das alte Europa im Blut hat). Und vor allem: man hat gar nicht den Eindruck, daß unser Backfisch, made in USA 1956, sich von diesen paar Drinks, von diesen paar Männern umschmeißen läßt. Man sieht sie förmlich vor sich, wie sie in zwanzig Jahren nicht ohne Rührung und gewiß umgeben von zwei oder drei Kindern an Hand vergilbter Photographien an ihre merkwürdig frigiden Sturm- und Drangjahre denkt.

Was hier also eigentlich interessant ist, ist nicht das Buch selbst, sondern seine große Wirkung. Zumindest in den USA stand es monatelang auf der Bestsellerliste, und auch bei uns ist die Autorin bekanntgeworden. Aber hängt das nicht eben mit unserer Liebe zum Unreifen, zum Kindischen, zusammen? Wir, die wir längst mit unserem Latein am Ende sind, nehmen fasziniert jede Lebensäußerung eines Menschen zur Kenntnis, der uns – man verzeihe mir in diesem Zusammenhang das Wort – geistig ein gewisses Halbstarkentum verspricht. Mit der geistigen Stärke haben wir versagt, schwach sind wir geworden, nun – versuchen wir’s doch mal mit den Halbstarken ...

Das verführt uns zum Schlürfen jener Cocktails zum Frühstück, die im Grunde belanglos sind. Noch nicht einmal schlecht wird einem davon. Und das ist eigentlich traurig. Paul Hühnerfeld