Epiner von Vaters näheren Bekannten war Herr

Webb. Er hieß eigentlich anders, aber Heini sagte, er müßte Herr Webb heißen. Rein äußerlich betrachtet war Herr Webb ein Mensch wie jeder andere. Er trug dicke Gläser mit einem schmalen Goldrand drum, hatte eine sommersprossige Glatze, wäßrige Augen, trug lila schimmernde Gummikragen, und wenn er fror, zog er sich einen Ami-Bademantel an, den er sich zu einer Art Ulster hatte umarbeiten lassen.

Im Sommer führte Herr Webb eine Riesenpapiertüte mit sich, im Winter einen Pappkoffer. Sah man ihn ohne was, dann war er krank.

Herrn Webbs Hauptbeschäftigung war, etwa zwanzigmal im Jahr seine Wohnung zu wechseln. Genauer gesagt: seine Wirtinnen hatten die Angewohnheit, ihm schon nach den ersten Wochen wieder zu kündigen. Herr Webb war nämlich Privatgelehrter. Nicht, als ob das was Anrüchiges wäre; im Gegenteil. Aber Herrn Webbs Gelehrsamkeit hatte sich auf Giftschlangen spezialisiert. Und zwar war Herr Webb kein blasser Theoretiker, sondern ein Mann der Praxis. Das heißt, wenn er wieder mal irgendwo einzog, zogen zugleich auch mit ihm, in riesige Glaskästen verpackt, zwei bis drei Dutzend Giftschlangen ein und Herrn Webbs Weiße-Mäuse-Farm, aus der er seine Giftschlangen verpflegte.

Vater hatte Herrn Webb eines Tages im Spandauer Stadtforst getroffen. Den ganzen Tag schon, erzählte er, hatte ich mich über die ausgetrunkenen Hühnereierschalen gewundert, die überall im Wald herumlagen; sie bildeten eine richtige Spur. Als ich ihr nachging, kam ich auf eine Lichtung. Auf dieser Lichtung stand eine riesige, sanft hin und herschwankende Papiertüte. Neben dieser Tüte saß ein Mann. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und trank gerade blinzelnd ein Hühnerei aus. Es war Herr Webb.

Er mußte in Vater, der ja draußen immer seinen Feldstecher umhängen hatte, gleich so was wie einen Mitverschworenen erkannt haben, denn er lud ihn ohne viel Umschweife zum Sitzen ein. Und als Vaters verständliches Interesse an der sanft schwankenden Tüte immer offenkundiger wurde, langte Herr Webb, rachdem er sich vorsorglich den Ärmel hochgekrempelt hatte, hinein. – Ihr müßt euch das vorstellen, sagte Vater: kneift, um besser tasten zu können, konzentriert die Augen zusammen und grabscht erst eine ganze Weile in der Tüte herum, und dann angelt er nacheinander vier eben gefangene Kreuzottern raus.

Wenn man ihm, wie Heini und ich öfters, im Stadtforst begegnete: ein zusammengeknotetes Taschentuch auf dem sonneempfindlichen Kopf, den Filzhut an einem Stahlklemmer vorm Bauch und seine unvermeidliche Papiertüte mit den Gummikragen, den Pilzen und rohen Eiern unterm Arm, dann hätte man ihn eigentlich eher für einen Oberlehrer als für einen ausgekochten Giftschlangenspezialisten halten müssen.